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Jahrestagung der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE)

Dietrich Wagner

Vom 24. September – 26. September besuchten Taiga Brahm, Patrizia Kühner und ich die Jahrestagung der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der DGfE. Die Tagung fand in der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd statt, die zwar etwas abseits des Stadtzentrums, aber dennoch sehr schön mit Blick auf die Kaiserberge in der Schwäbischen Alb gelegen ist.

Die Konferenz war zweigeteilt, wobei am Mittwoch ein ganzer Nachmittag für die „Young Researcher“ reserviert war. In diesem Rahmen gab es die Möglichkeit Dissertationsvorhaben vorzustellen und sich über noch ungelöste Fragen auszutauschen. Es war spannend zu sehen mit welchen Fragen sich andere Doktoranten beschäftigen und welche Herausforderungen dabei auftreten. Ausserdem wurde mir bewusst wie wertvoll Feedback und kritisches Nachfragen von anderen Forschern bei der Realisierung eines Forschungsprojektes sein kann.

Die Hauptkonferenz wurde offiziell am Donnerstag mit einer Keynote von Prof. Dr. Stefan Wolter von der Universität Bern eröffnet. Prof. Wolter referierte darüber welche Einflussfaktoren und Mechanismen den Lehrstellenmarkt von der Angebots- und Nachfrageseite beeinflussen können und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind.

Der Rest der Konferenz war in moderierten Sessions organisiert, in denen thematisch ähnliche Forschungsprojekte vorgestellt und diskutiert wurden. Alle besuchten Vorträge waren interessant und inspirierend, zwei für mich besonders spannende Vorträge will ich ein bisschen näher beschreiben:

Dr. Sebastian Lerch von der Universität in Bamberg beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Konstrukt der Selbstkompetenz, wobei er sich in seiner Forschung die Frage gestellt hat, was Selbstkompetenz ist und wie sie sich auswirkt. Die erste Frage lässt sich seiner Meinung nach, selbst nach ausführlicher Auseinandersetzung, nicht abschliessend beantworten, da noch nicht mal klar ist, ob es eine Selbstkompetenz im Singular gibt oder ob es viele verschiedene andere Kompetenzen sind, die unter dem Begriff „Selbstkompetenz“ zusammengefasst werden. Seine Antwort auf die Frage nach der Wirkung der Selbstkompetenz offenbarte eine für mich noch nie beachtete, aber sehr spannende, Sichtweise auf das Thema. Sein abschliessendes Fazit war: „Die Auflösung des Selbst ist Teil von Selbstkompetenz“. Dr. Lerch versucht damit zu beschreiben, wie der einzelne seine Identität und seine Besonderheiten zugunsten einer Anpassung an die ökonomischen Herausforderungen aufgibt. Damit trägt die Förderung von Selbstkompetenz zu einer Erosion der Identität des Einzelnen bei.

Prof. Dr. Thomas Bienengräber von der Universität Duisburg-Essen referierte über die These, dass das moralische Urteil eines Menschen nicht von einem allgemeinen moralischen Prinzip abhängt, das das Individuum in sich trägt, wie Prof. Kohlberg das beschrieben hat. Auch sind nach Prof. Bienengräber die verschiedenen Lebensbereiche wie z.B. Arbeit oder Freundeskreis nicht ausschlaggebend für das moralische Urteil, wie Prof. Klaus Beck das in seinen Forschungen herausarbeitet. Vielmehr hängt das Urteil von den speziellen Parametern einer Situation ab, die unabhängig von einem bestimmten Lebensbereich bzw. einer bestimmten Rolle sind. Prof. Bienengräber versucht damit in seiner Forschung Alternativen zu den bisherigen Ansätzen über das moralische Urteilen aufzuzeigen.  Dafür wird der Begriff der Situation genau definiert und herausgearbeitet, welche Gestaltungselemente eine Situation haben kann. In seiner Forschung legt Prof. Bienengräber seinen Probanten zwei Dilemmasituationen vor, die aus verschiedenen Lebensbereichen kommen, aber die gleichen situativen Elemente enthalten und prüft damit nach, ob die Probanden in beiden Fällen das gleiche Urteil fällen. Es liegen zwar schon erste Forschungsergebnisse vor, allerdings sind diese bisher noch nicht eindeutig und liefern deshalb keine Evidenz für oder gegen die vorgestellte These.

Es war sehr spannend von den Projekten anderer Forscher zu hören und sich in Themenbereiche reinzudenken, die man bisher nur oberflächlich betrachtet hat. Darüber hinaus konnte ich neue Kontakte knüpfen und bestehende vertiefen, was die Konferenz für mich noch wertvoller gemacht hat.

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Tagungsrückblick: DGfE-Kongress 2014 – Arbeitsgruppe zu Design-Based Research

Der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften stand zum 50-jährigen Jubiläum der DGfE unter dem Motto „Traditionen und Zukünfte“. Ganz im Sinne des Mottos präsentierte ich am Kongress Tobias Jenerts und meinen Beitrag zur Frage „Wie kann über Design-Based Research die wissenschaftliche und praktische Relevanz der Forschung gesichert werden?“. Design-Based Research (DBR) ist ein Forschungsansatz, der die Ziele der praktischen Problemlösung und der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung gleichermassen anstrebt.

Der Vortrag war Teil einer Arbeitsgruppe zu Design-Based Research, die Dieter Euler (Uni St. Gallen) und Gabi Reinmann (ZU Friedrichshafen) organisiert hatten. Ausgangspunkt war ein Beitrag der Organisatoren zu den Potenzialen von DBR für Erkenntnisgewinnung und Praxisgestaltung. Dieter Euler legte zunächst den Begriff DBR aus und erläuterte dabei die wesentlichen Charakteristika von DBR:

  1. Generierung von praktischen Problemlösungen bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung,
  2. Zusammenarbeit von Forschenden und Praktikern/-innen,
  3. ein zyklischer Forschungs- und Entwicklungsprozess.

Peter F.E. Sloane (Universität Paderborn) hat seinen Beitrag an der Leitfrage „Wie vollzieht sich die Generalisierung von Erfahrungen bzw. die Generierung von Wissen?“ orientiert. Er hat Design Prinzipien in ihren Charakteristika diskutiert und die bedeutsame Frage gestellt: Wo kommen Design-Prinzipien her – wie werden diese generiert?“ Dabei identifiziert er drei mögliche Wege zur Generierung: Intuition, Anwendung von Wissen (Applikation als grundlegendes heuristisches Prinzip) und Ausklammerung (Reduktion) wie in der Phänomenologie. Er stellt letztlich fest, dass diese Zugänge in anderen wissenschaftlichen Disziplinen (wie Philosophie, Theologie) durchaus genutzt werden, während sie in den Erziehungswissenschaften momentan kaum Anwendung finden. Es bleibt offen, wie Design Prinzipien zu generieren sind.

Isa Jahnke (Universität Umeå) hat anhand eines Projekts zur Online-Unterstützung von Lehre dargestellt, wie DBR konkret durchgeführt wurde und wie viel Interaktion jeder Entwicklungszyklus umfasste. Interessant war, dass sie und ihre Kollegen/-innen als Auswertungsmodell die SeeMe-Methode (Herrmann, 2008) genutzt haben, um die Erkenntnisse aller Beteiligten offen zu legen. Allerdings besteht dabei eine Herausforderung in der Rolle des Forschenden, der diese Modellierungsprozesse reguliert.

In unserem Beitrag gehen wir schliesslich darauf ein, wie über den zyklischen Prozess von DBR einen Beitrag zur wissenschaftlichen Gültigkeit und zur praktischen Relevanz geleistet werden kann. Wir nutzen das Konzept der multiplen Signifikanzen (Leech und Onwuegbuzie, 2004) aus der Mixed-Methods-Forschung und wenden diese auf ein Forschungsprojekt zur Resilienzförderung in Brückenangeboten an.

Die Diskussion der Beiträge war sehr lebendig und wir konnten viele Aspekte zum Weiterdenken mitnehmen… Unsere methodologische Diskussion zu DBR geht also sicherlich weiter 🙂