Kategorie-Archiv: Einstellung

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Herausforderungen von Studienanfängern/-innen

Im Rahmen unserer Studie zur Entwicklung der Einstellung und Motivation von Studierenden haben wir vielfältige Aspekte untersucht. Anlässlich eines Calls der Zeitschrift für Hochschulentwicklung haben wir den Blick speziell auf die Herausforderungen der Studienanfänger/-innen gelenkt. Anstatt deskriptiv zu beschreiben, wie Studierende den Übergang von der Schule in die Hochschule erleben, haben wir einen etwas anderen Zugang gewählt: Auf Basis der Selbstwirksamkeit der Studierenden (erhoben ca. einen Monat vor Beginn ihres Studiums) konnten wir die Studierenden in drei verschiedene Gruppen einteilen, die sich durch hohe, mittlere und relativ geringere Selbstwirksamkeit kennzeichnen lassen. Dabei ist festzuhalten, dass bei allen drei Gruppen die Selbstwirksamkeit auf einer Skala von 1 (= stimme gar nicht zu) bis 6 (= stimme voll und ganz zu) zu Beginn des Studiums oberhalb des Wertes 4 lag, d.h. gut bis sehr gut ausgeprägt ist. Gleichwohl lassen sich unterschiedliche Entwicklungen der Studierenden im Verlauf des ersten Studienjahrs nachzeichnen und auch die Wahrnehmung der Herausforderungen ist zwischen den drei Gruppen verschieden.

So nimmt die Gruppe mit der relativ niedrigen Selbstwirksamkeit sämtliche studienbezogene Herausforderungen, z.B. das Erlangen guter Noten, die Bewältigung des Prüfungsdrucks, das Zeitmanagement, aber auch nicht studienbezogene Herausforderungen wie das Zurechtfinden am Studienort als signifikant schwieriger wahr als die anderen beiden Gruppen.

Interessant ist vor allem, dass eine relativ niedrige Selbstwirksamkeit nicht unbedingt mit einer schlechteren Leistungsfähigkeit (operationalisiert über die Matura- resp. Abitur-Note) einhergeht. So ist zwar die durchschnittliche Matura-Note für diese Gruppe geringer, allerdings sind in der Gruppe prozentual die Frauen am stärksten vertreten. Da Frauen mindestens dieselbe Leistungsfähigkeit aufweisen wie ihre männlichen Kollegen, sind sie anteilig zu stark in der Gruppe mit der relativ niedrigen Selbstwirksamkeit vertreten. Es zeigt sich also, dass die Gruppen in sich nochmals eine hohe Heterogenität aufweisen.

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Insgesamt geben die Ergebnisse spannende Hinweise für eine an Diversität orientierte Gestaltung der Studieneingangsphase. Details zur Untersuchung wie auch Gestaltungsempfehlungen finden sich in unserem Beitrag in der Zeitschrift für Hochschulentwicklung.

 

 

 

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Rückblick auf den Tag der Lehre an der Dualen Hochschule Mosbach

Am 23.10.2014 nahmen Tobias Jenert und ich am Tag der Lehre der Dualen Hochschule (DH) Mosbach zu dem Thema „Qualifizierung von Studierenden im Student-Life-Cycle“  teil. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie vor dem Hintergrund zunehmender Heterogenität von Studienanfängern, adäquate Qualifizierungsangebote geschaffen werden können. Die Zielgruppe war deshalb sehr heterogen: Neben Lehrverantwortlichen der DHBW- und anderen Hochschulen, waren auch Vertreter aus den umliegenden Gymnasien und Personalverantwortliche aus den Kooperationsunternehmen geladen.

Die erste Keynote am Vormittag „Unterstützung ohne Ende und autonomes Lernen: Passt das zusammen?“ von Prof. Dr. Thilo Harth rückte die interessante Frage in den Vordergrund, ob zu viel Unterstützungsangebote (wie etwa Vorkurse, separate Prüfungstrainings etc.) nicht genau das Gegenteil von der allgegenwärtigen Vorstellung der Bildung eines selbstständigen Studierenden bezweckt. Obwohl die angeführten Antithesen („Fachwissen vs. außerfachliches Wissen“, „traditionelle vs. virtuelle Lernsettings“ sowie „alte vs. neue Lernorte“) in Ihrer Erörterung nicht besonders trennscharf waren, konnte er mit diesen doch kritische Fragen bzgl. Lehr- und Prüfungsgestaltung aufwerfen. Z.B. Warum evaluieren Prüfungsformen vor allem Fachwissen und nicht überfachliche Kompetenzen? oder: Besteht eine Gefahr des cognitve overloads, wenn virtuelle Lernmöglichkeiten wachsen, die Zeit zum Lernen aber nicht?

Das Tagungsprogramm für die Sessions am Nachmittag lehnte sich entsprechend des Themas an die Phasen des Studiums an. Tobias und ich stellten in der Session „Qualifizierung in der Studieneingangsphase II: themenspezifische Einzelveranstaltungen zur Studiums-Vorbereitung“ die qualitative Forschung zum Einstellungsprojekt vor: Mit der Vorstellung der Auswertung der längsschnittlichen Interviewstudie konnten wir begründet Thesen zur Enkulturationsprozessen von Wirtschaftsstudierenden im ersten Jahr an der Universität St. Gallen darstellen. So wollten wir aufzeichnen, wie und weshalb es Studierenden gelingt oder misslingt, „ihren Platz“ an der Universität zu finden und welche Implikationen das vor allem für die Lehre hat. Für die HSG konnten wir konkret eine Vielzahl geplanter und nicht-geplanter Ereignisse im ersten Studienjahr identifizieren, die entscheidend für die Motivations- und Einstellungsentwicklung gegenüber dem Studium sind. Prüfungsereignisse waren zum Beispiel die bedeutendsten.

Trotz der scheinbar unterschiedlichen Beiträge in unserer Session ‒ es folgten die Vorstellung der Vorkurse Mathematik und Englisch der DH Villingen-Schwennigen sowie das „Starterkit“ der DH Mosbach ‒ war die Feststellung solcher Ereignisse in unseren Augen doch der gemeinsame Bezugspunkt der Session: Anforderungen und Angebote von Hochschulen werden geschaffen, ohne zuvor systematisch abzuschätzen, wie diese (auch in deren Kombination) auf Studierende wirken. Fragen wie „Sorgen Vorkurse mit der Intention Studierende zu unterstützen nicht noch mehr für eine ‚Konsumentenhaltung’ bei den Studierenden?“ oder „Passen diese Angebote mit den späteren Leistungsvoraussetzungen in der Lehrveranstaltung?“ drängten sich auf. ‒ Eindeutig in allen Beiträgen war, dass die Studieneingangsphase eine prägende ist und ihr damit besondere Bedeutung zukommen sollte. Bei ihrer Ausgestaltung wird es aber nicht DIE Antwort für DIE/DEN Studierende/n an sich geben.

Es war eine vielfältige Veranstaltung, von der wir in diesem Rahmen nur in Ausschnitten berichten. Alles in allem haben wir uns in Mosbach sehr wohl gefühlt und konnten interessante Einsichten – auch in das System Duale Hochschule ‒ gewinnen!

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Tagungstalk: das Team Hochschulentwicklung auf EARLI

Das Team Hochschulentwicklung war in diesem Jahr unter anderem auf der im Zweijahresrythmus durchgeführten Konferenz der European Association for Learning and Instruction (EARLI) in München vertreten. Im Rahmen von drei Beiträgen durften wir Ergebnisse unseres Forschungsprojekts zur Entwicklung von Einstellungen der Studierenden im ersten Studienjahr an der Universität St. Gallen. Unter Leitung von Taiga Brahm haben wir die Untersuchung als Mixes Methods-Studie durchgeführt, d.h. eine quantiative und  eine qualitative Erhebung parallel kombiniert. Auf der EARLI-Konferenz wurden folgende Beiträge zu dieser Untersuchung präsentiert:

Brahm, T., & Jenert, T. (2013). A latent growth curve analysis of Business students’ intrinsic and extrinsic motivation. Paper presented at the EARLI, Munich.

Brahm, T., Jenert, T., & Euler, D. (2013). On the assessment of attitudes towards the study process and the university: Attitudes towards the Study Environment Questionnaire (ASEQ). Paper presented at the EARLI, Munich.

Jenert, T., & Brahm, T. (2013). How Business Students Attitudes towards their University and Studying Develop during the First Year: A Qualitative Longitudinal Study. Paper presented at the EARLI (Munich), Munich.

Neben der Vorstellung der eigenen Forschung bietet eine solche internationale Tagung natürlich immer Gelegenheit, sich aktuelle Entwicklungen im eigenen Forschungsbereich näher anzusehen. Interessant waren dabei vor allem zwei Syposia, bei denen es um die nachhaltige Weiterentwicklung von Hoschschullehre ging. Die Beiträge (unter anderem von David Boud, Jan Vermunt und Caroline Trautwein) verwiesen auf zentrale Herausforderungen für die nachhaltige Veränderung von Lehr- und Lernpraktiken an Hochschulen: Die Implementation nachhaltigen Assessments (David Boud), die Weiterentwicklung von Lehrkompetenzen jenseits formaler Kurse (Caroline Trautwein), den Umgang mit der Dualität von Forschung und Lehre u.v.m.

Global Learning Value Rubric

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Die Inspiration zu diesem Blog-Beitrag stammt von “Tomorrow’s Next Professor“, einem für heutige Zeiten fast antiquiert anmutenden Newsletter. Ins Leben gerufen wurde Tomorrow’s Next Professor von Rick Reis, einem „part time consulting professor“ an der Standford University.

In einem der letzten Newsletter standen „the challenges related to defining, mapping, implementing, and assessing global learning outcomes“ im Zentrum. Basis dafür war ein Beitrag der Association of American Colleges and Universities (AAC&U) (2013) unter dem Titel „Developing a Global Learning Rubric: Strengthening Teaching and Improving Learning“ (Autoren: Chad Anderson and David Blair).

Die Global Learning Rubric kann als Ergebnis eines Prozesses bezeichnet werden, der sich insbesondere mit den folgenden Fragen beschäftigte:

  • What is global learning, and how can our institution build consensus around it?
  • What are the outcomes of global learning, and what knowledge, skills, and capacities are needed to ensure that students achieve those outcomes?
  • Is our institution effectively infusing global learning into the curriculum and cocurriculum?
  • Are our students successfully acquiring the aforementioned knowledge, skills, and capacities?

Als Ziel von “global learning” wird ausgewiesen, dass allgemeine Curricula mit den Erwartungen einhergehen sollten, sozial verantwortliche und global denkende Führungskräfte zu entwickeln. Da dieses Ziel in ähnlicher Ausprägung auch in der Vision der Universität St. Gallen verankert ist, scheint der Ansatzpunkt, dazu eine Rubric zu entwickeln, auch für unsere Arbeit spannend. Die Rubric soll dazu beitragen, dass der Austausch über global learning an den Universitäten verstärkt wird und dass letztlich sowohl Lehrenden als auch Administration das zugrundeliegende Ziel unterstützen.

Mit einem umfassenden Prozess im Rahmen des Projekts „Valid Assessment of Learning in Undergraduate Education (VALUE)“ (auch Morgaine, 2010) wurden 6 Dimensionen des globalen Lernens formuliert:

  1. Global Self-Awareness
  2. Perspective Taking
  3. Cultural Diversity
  4. Personal and Social Responsibility
  5. Understanding Global Systems
  6. Applying Knowledge to Contemporary Global Contexts

Für jede Dimensionen gibt es vier Operationalisierungen, wie die folgende Abbildung zeigt.

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Bildquelle: Anderson & Blair (2013)

Die Rubric wurde in einem umfassenden Prozess daraufhin getestet, ob sie sich auf studentische Arbeiten anwenden lässt. Nichtsdestotrotz sollte bei Anwendung in einem spezifischen Studienprogramm zunächst ein individueller Kalibrierungsprozess mit einer Vielzahl von Beteiligten eines Studienprogramms durchlaufen werden. Diese Diskussion kann dann auch die probeweise Bewertung von studentischen Arbeiten enthalten, um zu sehen, inwieweit die Rubric auf für das eigene Studienprogramm einsetzbar ist. Dabei liegt der Fokus klar auf Kursen mit dem Ziel des „global learning“.

Für unser Projekt zur Integration von Sustainable Development im Bachelor BWL kann die Rubric interessante Reflexionsimpulse bieten. Auch wenn in diesem Projekt gerade die Integration dieser Inhalte in bestehende Veranstaltungen im Vordergrund steht, ist nichtsdestotrotz darüber nachzudenken, inwieweit die Bewertungskriterien für die bestehenden Kurse erweitert werden müssen.

Quellen:

Anderson, C. & Blair, D. (2013). Developing a Global Learning Rubric: Strengthening Teaching and Improving Learning. Diversity & Democracy, 16(3), online available at http://www.aacu.org/diversitydemocracy/vol16no3/anderson_blair.cfm (2013-10-24).

Morgaine, W. (2010). Developing Rubrics: Lessons Learned. In Rhodes, T. L. (Hrsg.). „Assessing Outcomes and Improving Achievement: Tips and Tools for Using Rubrics„. Washington, DC: Association of American Colleges and Universities.

 

Verantwortliche Führungskräfte entwickeln – Methode des Collaboratory

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Im Journal for Management Development ist kürzlich ein Special Issue zur „2013 EFMD annual conference: promising directions in management education and new prospects” erschienen. In diesem hat Katrin Muff, Dean an der Business School Lausanne (BSL), einen Beitrag unter dem Titel „Developing globally responsible leaders in a business school“ veröffentlicht.

Der Beitrag ist nicht nur für die Hochschulentwicklung an einer Business School wie der Universität St. Gallen interessant, sondern durch die Einführung einer neuen Methode auch für andere Hochschulen und Disziplinen.

Den Ausgangspunkt des Artikels bilden die ökologischen Herausforderungen, die uns in der näheren Zukunft erwarten und die daraus abgeleitete Konsequenz, dass sich die Wirtschaft an langfristigeren Zielen und neuen Regeln ausrichten muss. Die Autorin stellt die berechtigte Frage:

„What does this mean for business schools and management education at large?“ (S. 488)

Als Zielhorizont weist sie die 50+20-Agenda aus, die eine Vision für die zukünftige Gestaltung der Management Education beschreibt. „The 50+20 Vision can be interpreted as a critique of the existing system of business education“ (S. 489). Hinsichtlich der Management Education postuliert die Vision das Ziel, dass Studierende zu verantwortlichen Führungskräften ausgebildet werden. Dabei sehen sie die Herausforderung weniger darin, Wissen zu entwickeln, sondern komplexe transdisziplinäre Probleme zu lösen sowie mit anderen Personen zusammenzuarbeiten. Diese Problemanalyse schliesst ein, dass die bisherige Management-Ausbildung sich von ihrem Fokus auf das Fachwissen abkehren muss. Die Autorin sieht dafür drei mögliche Wege:

  • transformatives Lernen mit dem Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung und dem Ziel der persönlichen Verantwortlichkeit jedes einzelnen
  • ,issue-oriented learning‘, d.h. die Bearbeitung zukünftiger Herausforderungen verlangt eine transdisziplinäre, systemische Herangehensweise. Diese kann am besten erreicht werden, indem das Lernen nicht um Fächer oder Disziplinen, sondern mit Bezug zu bestimmten Gegenstände organisiert wird
  • reflektierte Praxis: Praxiserfahrung soll durch Reflexion flankiert werden, um die Praxiserfahrung hinsichtlich der Entwicklung zu verantwortlichen Führungspersonen auszuwerten und um die Fähigkeit zur Selbst-Reflexion auszubilden.

Als mögliche Methode zur Umsetzung dieser drei Wege stellt Katrin Muff die Methode des Collaboratory vor, das sich historisch von den technologiebasierten Forschungs-Collaboratories ausgehend entwickelte. Ziel ist, einen Raum für die Lernenden zu schaffen, in dem sie sich auf sicherem Terrain austauschen können. Im Collaboratory werden partizipative Lernmethoden, ,appreciative inquiry‘, ganzheitliches Lernen, bewusstseinsbildende Methoden und selbstgesteuertes Lernen angewendet. Damit geht der Ansatz über das häufig in der Management-Ausbildung verwendete Fallstudien- oder erfahrungsbasierte Lernen hinaus.

„The collaboratory is a place where people can think, work, learn together and invent their respective futures“ (S. 495).

An der Universität St. Gallen führte Katrin Muff zusammen mit Thomas Dyllick bereits ein Collaboratory im Rahmen eines Kurses durch. Die Auswertung dieser Erfahrungen verspricht spannend zu sein.