Archiv für den Autor: tjenert

Lehrevaluation und das eigene Empfinden: eine subjektive Reflexion

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Was bringt mir als Lehrendem eigentlich die Evaluation der eigenen Veranstaltung? Ja, klar, sie sollte zumindest grobe Hinweise darauf geben, wie die Studierenden die eigene Lehre wahrnehmen. Häufig aber – so ging es zumindest mir – hatte ich das Gefühl, die Rückmeldungen auf Basis geschlossener Fragebogen-Items sind viel zu allgemein. „Ob es gut gelaufen ist oder nicht, merke ich auch selbst.“ – hatte ich gedacht.

Insofern brachte meine letzte Lehrevaluation durchaus ein gewisses Aha-Erlebnis. Das Blockseminar „Teamsituationen gestalten“ hatte ich schon mehrfach durchgeführt und insofern glaubte ich, ein ganz gutes Gespür für den Veranstaltungsablauf zu haben. In diesem Durchgang war es dem Empfinden nach recht mässig: Mässig interessierte und motivierte Studierende, mässige Diskussionsbeiträge, mässige Ergebnisse bei Gruppenarbeiten… so mein Empfinden. Mässig war dann auch meine Motivation nach dem ersten Blocktag. Die erste kleine Überraschung zeigte sich am zweiten Tag, wo die Studierenden abschnittsweise in Gruppen selbst lehren –  das machten sie diesmal richtig gut. Die grösste Überraschung kam dann aber in der Lehrevaluation. Die Studierenden waren vom Format der Veranstaltung wohl recht angetan und nach eigener Auskunft sehr am Thema interessiert.

Nochmal kritisch nachgedacht meine ich, dass wohl ich selbst der am mässigsten Motivierte war und diese Einstellung als Erwartung auf die Studierenden übertragen habe. Vielleicht, weil ich die Veranstaltung in ähnlicher Form schon mehrfach durchgeführt hatte? In jedem Fall kann man sich wohl nicht immer auf das eigene Gefühl verlassen, wenn es um die Einschätzung der Lehre geht. Hilfreich ist, dass die Kollegen/-innen der Qualitätsentwicklung an der Universität St. Gallen seit einiger Zeit ein neues Instrument verwenden. Dabei steht nicht (mehr) die Einschätzung der Dozierendenpersönlichkeit i.S. des „Gefallens“ im Vordergrund, sondern es wird nach konkreten Elementen und der Sinnhaftigkeit des didaktischen Designs (Qualität behandelter Problemstellungen, Materialien etc.), dem empfundenen Lernfortschritt sowie der Motivation und dem Engagement der Studierenden selbst gefragt. So gibt die Evaluation tatsächlich Anlass, die eigene Wahrnehmung etwas zu relativieren.

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Tagungstalk: das Team Hochschulentwicklung auf EARLI

Das Team Hochschulentwicklung war in diesem Jahr unter anderem auf der im Zweijahresrythmus durchgeführten Konferenz der European Association for Learning and Instruction (EARLI) in München vertreten. Im Rahmen von drei Beiträgen durften wir Ergebnisse unseres Forschungsprojekts zur Entwicklung von Einstellungen der Studierenden im ersten Studienjahr an der Universität St. Gallen. Unter Leitung von Taiga Brahm haben wir die Untersuchung als Mixes Methods-Studie durchgeführt, d.h. eine quantiative und  eine qualitative Erhebung parallel kombiniert. Auf der EARLI-Konferenz wurden folgende Beiträge zu dieser Untersuchung präsentiert:

Brahm, T., & Jenert, T. (2013). A latent growth curve analysis of Business students’ intrinsic and extrinsic motivation. Paper presented at the EARLI, Munich.

Brahm, T., Jenert, T., & Euler, D. (2013). On the assessment of attitudes towards the study process and the university: Attitudes towards the Study Environment Questionnaire (ASEQ). Paper presented at the EARLI, Munich.

Jenert, T., & Brahm, T. (2013). How Business Students Attitudes towards their University and Studying Develop during the First Year: A Qualitative Longitudinal Study. Paper presented at the EARLI (Munich), Munich.

Neben der Vorstellung der eigenen Forschung bietet eine solche internationale Tagung natürlich immer Gelegenheit, sich aktuelle Entwicklungen im eigenen Forschungsbereich näher anzusehen. Interessant waren dabei vor allem zwei Syposia, bei denen es um die nachhaltige Weiterentwicklung von Hoschschullehre ging. Die Beiträge (unter anderem von David Boud, Jan Vermunt und Caroline Trautwein) verwiesen auf zentrale Herausforderungen für die nachhaltige Veränderung von Lehr- und Lernpraktiken an Hochschulen: Die Implementation nachhaltigen Assessments (David Boud), die Weiterentwicklung von Lehrkompetenzen jenseits formaler Kurse (Caroline Trautwein), den Umgang mit der Dualität von Forschung und Lehre u.v.m.

Lehre hoch n: Einige Gedanken zur Zukunft der Lehrentwicklung an Hochschulen

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Seit Herbst 2012 dürfen wir als Team für Hochschulentwicklung im Auftrag der Volkswagenstiftung die Begleitforschung des Weiterbildungsprogramms Lehre hoch n – durchgeführt von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. -durchführen. Gegenstand der Begleitforschung sind die Jahrgänge 2010/11 und 2012/13 (und künftigt auch 2014/15) dieses Programms , das sich an Personen richtet, die mit der Weiterentwicklung von Hochschullehre befasst sind. Mit Lehrenden, Hochschuldidaktiker-Innen und Leitungspersonen werden unterschiedliche Akteursgruppen innerhalb des Gestaltungsbereichs Lehre angesprochen; das Aufeinandertreffen dieser Gruppen in einem Programm gehört dabei bereits zu den Besonderheiten von Lehren. Strukturell ist das Programm durch  folgende Merkmale gekennzeichnet:

  • Programm mit Fokus auf die lehrbezogene Hochschulentwicklung.
  • Rund 30 Teilnehmende pro Jahrgang, verteilt auf die drei Akteursgruppen mit VertreterInnen aus Fachhochschulen und Universitäten.
  • Auswahl der Teilnehmenden auf Basis einer Initiativbewerbung (bundesweite Ausschreibung; prinzipiell auch international zugänglich), lehrbezogene Entwicklungsprojekte der Bewerbenden als wichtiges Auswahlkriterium (mit gesteigerter Bedeutung im Jahrgang 2012/13).
  • Präsenzprogramm mit fünf Workshops über neun Monate hinweg: Input-Referate von Fachexperten strukturieren jeweils die Interaktionen der Teilnehmenden, die jeweiligen Innovationsprojekte werden vorgestellt und diskutiert.
  • Follow-up Aktivitäten zum Aufbau bzw. zur Aufrechterhaltung einer „Community of Practice“: Informelle Interaktionen zwischen den Teilnehmenden eines Jahrgangs sowie organisierte Netzwerktreffen helfen, den Wissens- und Erfahrungsaustausch aufrecht zu erhalten.

Strukturell handelt es sich also durchaus um eine Innovation im Bereich der Lehrentwicklung bzw. Hochschuldidaktik: Man rückt ab von der Weiterbildung des Lehrpersonals in der eigenen Hochschule (Push-Prinzip) und versucht stattdessen, Muliplikatoren als LehrenwicklerInnen und Change-AgentInnen weiterzuentwickeln und diese auch als Community zu etablieren.

Mittlerweile hat die Begleitforschung einen ersten Zwischenbericht hervorgebracht, der an dieser Stelle jedoch nicht näher thematisiert werden soll. Vielmehr haben wir im Zuge der Begleitung von Lehre hoch n, in der Interaktion mit den Teilnehmenden und den Programmverantwortlichen selbst sehr viel gelernt. So hat sich über die Zeit eine Reihe von Fragen ergeben, welche für die weitere Ausgestaltung von lehrbezogenen Entwicklungsprogrammen relevant erscheinen:

  • Wie kann es gelingen, den in Lehre hoch n praktizierten Ansatz, Lehrentwicklung als Teil der Hochschulstrategie zu betrachten, auch in den Governance-Strukturen und -Prozessen einzelner Hochschulen zu etablieren?
  • Muss eine Lehrentwicklung, die sich als Personal- und Organisationsentwicklung versteht, von individuellen Karrierewegen im akademischen Betrieb ausgehen, d.h. akademisch-wissenschaftliche und lehrbezogene Weiterentwicklung zusammen denken und durchführen (als Faculty Development in umfassendem Sinne)?
  • Sollte die Weiterentwicklung der Lehre grundsätzlich mikrodidaktische (d.h. personen- und veranstaltungsbezogene) und strukturelle (z.B. programmbezogene) Aspekte gemeinsam betrachten, um wirkungsvolles Handeln einzelner Personen zu ermöglichen? Wo liegen hier die zentralen Hürden und wie kann es besser gelingen?
  • Wie kann es gelingen, Muliplikatorenansätze wie Lehre hoch n in die Breite zu bekommen, d.h. mit „klassischen“ Push-Ansätzen der Lehrentwicklung bzw. Hochschuldidaktik zu verbinden?

Für uns ist die Bearbeitung dieser Fragen zentral, um einen nächsten Schritt in der lehrbezogenen Hochschulentwicklung tun zu können. Über Anregungen und Meinungen hier im Blog freuen wir uns.