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Diskursive Studiengangentwicklung von Gerholz & Sloane (2015)

Teil 2: Aus welchen Elementen besteht das Modell der „Diskursiven Studiengangentwicklung“?

Im ersten Blogbeitrag zur „Diskursiven Studiengangentwicklung“ wurde die Entwicklung des Modells und Argumente dafür beschrieben. Der zweite Teil zielt darauf ab, die einzelnen Elemente des Ansatzes zu skizzieren und den Prozess der Studiengangentwicklung detaillierter zu beschreiben.

Da Studiengangentwicklung ein sozialer Prozess ist, der in eine Organisation mit spezifischen Bedingungen eingebettet ist, braucht es Diskurse um Studiengangentwicklung erfolgreich durchzuführen. Dafür müssen Diskursräume geschaffen und Austauschprozesse initiiert und ermöglicht werden. Um diese Austauschprozesse zu strukturieren, braucht es eine Themenstruktur, die den Prozess der Studiengangentwicklung in eine Form bringt, und damit besser plan- und beherrschbar macht. Eine solche Themenstruktur liefert die „Diskursive Studiengangentwicklung“. Die Themenstruktur besteht aus der Ebene des Studiengangs, der Ebene der Module und eines Kontextes innerhalb und außerhalb des Bildungssystems.

  • Die Ebene der Module ist in der Verantwortung der einzelnen Lehrenden und soll dem Bedürfnis der Autonomie Rechnung tragen.
  • Die Ebene des Studiengangs bildet den Kern der „Diskursiven Studiengangentwicklung“. Hier soll in den Schritten „Curriculumkonzeption“, „Modulentwicklung“, „Sequenzierung der Module“ und „Evaluation und Revision“ eine kohärente Studiengangstruktur entwickelt werden, die auch eine Steuerungs- und Regulationsfunktion für die Modulebene übernimmt. Den übergeordneten Rahmen auf dieser Ebene bildet das Leitbild des Studiengangs.

Die beschriebenen Schritte sind dabei nicht als linearer Prozess zu betrachten, sondern als dynamische Wechselbeziehungen mit Rückkoppelungen zu sehen. Die einzelnen Schritte auf Studiengangebene werden im Beitrag von Gerholz & Sloane genauer beschrieben und mit Leitfragen versehen.

Das Konzept der „Diskursiven Studiengangentwicklung“ berücksichtigt vor allem die sozialen Prozesse der curricularen Arbeit und nimmt besonders die gelebte Realität in der Fakultät in den Blick. Mithilfe dieses Ansatzes lassen sich von vornherein Anknüpfungspunkte für die curriculare Arbeit bestimmen und Herausforderungen im Prozess antizipieren. Die Leitfragen zu den einzelnen Prozessschritten liefern zudem gute Startpunkte für die Studiengangentwicklung.

Mich persönlich würde sehr interessieren, ob und inwieweit dieser Prozess bereits in der curricularen Arbeit an der Universität Paderborn umgesetzt wurde und welche Erfahrungen es aus der Erprobung gibt.

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Diskursive Studiengangentwicklung von Gerholz & Sloane.

Teil 1: Warum braucht es „Diskursive Studiengangentwicklung“?

Besonders am Konzept der „Diskursiven Studiengangentwicklung“ ist, dass die sozialen Prozesse zwischen den Beteiligten explizit thematisiert und die gegebenen Kontextbedingungen des Studiengangs betrachtet werden. Gerholz und Sloane von der Universität Paderborn entwickeln das Konzept, indem sie Studiengangentwicklung aus verschiedenen Perspektiven betrachten, und aus jeder Perspektive passende Teilaspekte für das Konzept übernehmen.

Aus curricularer Perspektive verweisen sie zwei auf Modelle, die beschreiben, wie Curriculumentwicklung funktionieren kann. Gerholz und Sloane sehen das technokratische-Modell, das Studiengangentwicklung als linearen Prozess mit festen Vorgaben sieht, die von allen umgesetzt werden, kritisch. Somit stützen sie ihre Argumentation auf das soziale Curriculum Modell. Bei diesem Modell sind die (sozialen) Prozesse der curricularen Arbeit interessant. Der Bildungsprozess wird hier durch die Deutung des Curriculums von den Anwendern und die internen und externen Kontextbedingungen, z.B. Bedingungen an der Universität, beeinflusst.

Die Autoren betrachten Studiengangentwicklung auch aus organisationstheoretischer Perspektive. Hier gilt die „Fakultät“ als Kernelement der Studiengangentwicklung und muss deshalb genauer betrachtet werden. Dafür führen die Autoren eine Einzelfallstudie durch, die näher beschreiben soll, wie die einzelnen Akteure die Fakultät wahrnehmen. Aus der Studie lassen sich zwei Kernergebnisse ableiten:

  1. Zunächst wird die Fakultät als kooperative Autonomie in situativen Settings gesehen. Das bedeutet, dass Akteure in der Fakultät für Lehre und Forschung Autonomie beanspruchen, aber auch bereit sind, miteinander zu kooperieren, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
  2. Weiterhin können die Prozesse in der Fakultät auch als kollegiale Konsensfindung in der politischen Arena charakterisiert werden. Dabei agieren verschiedene Interessengruppen, auch vor dem Hintergrund politischer und nicht nur kollegialer Aushandlungsprozesse, wobei nicht immer die Optimierung der Qualität und Kohärenz des Studiengangkonzepts im Mittelpunkt steht.

Alle bisher beschriebenen Konzepte und Beobachtungen fließen in das Rahmenkonzept der „Diskursiven Studiengangentwicklung“ ein. Curriculare Arbeit ist somit ein sozialer Prozess zwischen Akteuren und in den gegebenen Kontextbedingungen. Aus der organisationstheoretischen Betrachtung kann abgeleitet werden, dass curriculare Arbeit die Freiheiten der beteiligten Akteure erhalten muss, aber auch einen Rahmen bieten sollte, um systematische Studiengangentwicklung durchzuführen und soziale Prozesse, auch im Hinblick auf mikropolitische Aushandlungsprozesse, zielführend zu strukturieren. Für eine erfolgreiche Studiengangentwicklung unter diesen Bedingungen entwickeln Gerholz und Sloane das Modell der „Diskursiven Studiengangentwicklung“. Die Elemente des Modells und ihr Zusammenspiel werden in einem späteren Blogbeitrag näher beschrieben.

EARLI 2015 – Fünf Tage voller neuer Erkenntnisse

Vom 25.08 bis 29.08 durfte auch eine Gruppe aus unserem Team an der 16. EARLI (European Association for Research in Learning and Instruction) Konferenz in Limassol, Zypern, teilnehmen. Zusammen mit ungefähr 1800 anderen Forschern durften wir fünf intensive, spannende und sehr warme Tage erleben, durch die wir in verschiedenster Art und Weise etwas für uns mitnehmen konnten.Die EARLI ist durch ihre starke internationale Ausrichtung sehr gut dafür geeignet die Diversität und Tradition der Forschung zwischen den verschiedenen Ländern Europas, und darüber hinaus, kennenzulernen. Neben der grossen EARLI Community gibt es noch sog. Special Interest Groups (SIGs), die einen bestimmten Forschungsschwerpunkt, wie z.B. Higher Education, haben und sich regelmässig treffen und austauschen. Da es 27 solcher SIGs gibt, kann jeder sich einen oder zwei sehr spezifische Bereiche aussuchen und damit sicherstellen, dass es trotz der Grösse der Konferenz immer eine Anlaufstelle gibt, an der Experten für das eigene Thema zu finden sind.

Inhaltlich konnte ich vor allem aus methodischer Perspektive profitieren, da ich festgestellt habe, dass ein grosser Teil der Forschung in unserer SIG (Higher Education) durch qualitative Methoden geprägt ist. Da ich bisher fast ausschliesslich mit quantitativen Methoden gearbeitet habe, war es für mich sehr spannend zu sehen, welche anderen Erkenntnisse und Zugänge zu dem gleichen Thema sich z.B. mit Interviews, gewinnen lassen.

Die Präsentation unserer beiden Beiträge (ein ausführlicher Bericht zum Symposium folgt in Kürze) verlief ebenfalls sehr gut und hat uns, neben wertvollen Hinweisen und Fragen der Kollegen, auch in der Ausrichtung unserer bisherigen Forschung bestätigt.

Am gewinnbringendsten war die Konferenz für mich in Bezug auf die Möglichkeit mit anderen Forschern in Kontakt zu treten. Es war eine einmalige Gelegenheit andere Wissenschaftler aus dem eigenen oder auch anderen Forschungsgebieten kennenzulernen. Besonders gefreut hat mich die Tatsache viele Forscher persönlich getroffen zu haben, die ich bisher nur von ihren Publikationen kannte. Wissenschaft und Forschung bekamen dadurch im wahrsten Sinne des Wortes ein „Gesicht“. Die Gelegenheiten zum gegenseitigen Kennenlernen waren reichlich vorhanden, da die Organisatoren der 16. EARLI fast an jedem Abend auch eher informelles Angebote, wie z.B. die Feier des 30.Geburtstags der EARLI, auf das Konferenzprogramm gesetzt haben. Der Höhepunkt der Konferenz war sicherlich das Gala Diner, das bei Vollmond am Strand von Limassol kulinarische und kulturelle Highlights zu bieten hatte.

Zypern als Land und Limassol als Stadt sind für sich gesehen eigentlich schon Programm genug und man musste wirklich genau planen und die eine oder andere Session auslassen um auch etwas von der langen und traditionsreichen Geschichte Zyperns mitzubekommen.

Wieder zurück in der Schweiz habe ich das Gefühl durch inhaltliche Beiträge, Begegnungen und Gespräche viel für mich mitgenommen und meinen Horizont in unterschiedlichster Weise erweitert zu haben.

Mit Blick darauf, dass das meine erste grosse internationale Konferenz war, würde es mich in der Diskussion interessieren, ob alle Konferenzen relativ gleich ablaufen oder ob es hier grosse bzw. kleine Unterschiede in welcher Form auch immer gibt (inhaltlich, methodisch, Dominanz einer Forschungstraditon usw.). Teilt mir doch eure Konferenzerfahrungen mit und erzählt was euch am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist.

Summer School in St.Gallen: Very international, full of events and many insights

From the 8th to the 19th of June I attended the Summer School in Empirical Research Methods (SSERM) in St. Gallen. I was one of over 300 students from over 55 nations and I really got a direct impression on these numbers during the two weeks. I meet people from Romania, Iran, Kenia, Slovenia, Costa Rica, Ukraine, Russia, the Czech Republic, the United States, Germany and many more. It was very interesting and inspiring to see and hear the participants’ different perspectives on research, their countries and their lives. The team of organizers did a fantastic job providing many possibilities (barbeques, voucher for the ad hoc bar, excursions) for getting in touch with the different people.
In addition this social experience the two weeks have paid off, too. In the first week I attended a course dealing with moderation and mediation effects in quantitative research. Here I learned I lot about such effects can be explored and which problems can occur while testing for them. Although it was an advanced course the lecturer, Dominique Muller  from the University Grenoble Alps, managed to explain the content in a very plausible and simple way. Hopefully our next research project will provide a possibility for testing these effects.

The second week was all about mixed methods with R. Burke Johnson from the University of South Alabama. This week was very intense because of two reasons. First, Mr. Johnson has very much experience in the field of mixed methods. He is, among other things, the executive director of the Mixed Methods International Research Association and published a huge number of books and articles in this field. Thus, he tried to inspire us for this topic enriching his lessons with many discussions and interactive elements. He also challenged us to think about our own current research project (in my case: the dissertation) and develop a research proposal until the end of the week. This was most challenging for me but with his help and many discussions with the other students I finally up with a pretty precise idea of a possible research design for my thesis.

In a nutshell the two were very intense and eventful, never boring, challenging and I can only recommend to sign up for the Summer School in Empirical Research Methods in 2016!

It would be very interesting for me to hear about our readers’ experiences with Mixed Methods. On the one hand there are many advantages because the different paradigms behind qualitative and quantitative research could complement each other and add new insights to a topic. On the other hand such a design is often very complex and requires a lot of time. Also, the (lack of) acceptance of a Mixed Methods Research Design by research communities who prefer to stick only to one research paradigm could be critical.

Dozierendentagung 2015 – Gute Denkanstösse und kritische Fragen

Dietrich Wagner

Am 22.04 lud die Universität St. Gallen ihren gesamten Lehrkörper zur jährlich stattfinden Dozierendentagung ein. Die Tagung beschäftigte sich in diesem Jahr mit der Frage, wie viel Praxis und Theorie in der universitären Lehre enthalten sein sollte. Neben einer Keynote von Dr. Jürgen Kaube, einem Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gab es noch die Wahl zwischen drei Workshops, die das Thema in verschiedenen Facetten beleuchteten. Es war insgesamt eine gute Mischung aus Denkanstössen in den verschiedenen Vorträgen und der Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich kennenzulernen.

Sehr zum Nachdenken gebracht hat mich die Keynote von Dr. Kaube, in der er sich mit der Frage auseinandersetzte, wie viel Praxis der Theorie eigentlich gut tut. Er begann seinen Vortrag mit der Auseinandersetzung des Begriffspaares „Theorie“ und „Praxis“ und stellte fest, dass die Universität immer in einem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Schwerpunkten liegt. Zum einem gibt es Interessen innerhalb der Universität, die die Forschung betonen möchten, zum anderen fordern die zukünftigen Arbeitgeber der Studierenden und die Studierenden selber möglichst praxisnahe Inhalte. Die sehr interessante Frage, die er an dieser Stelle stellt, lautet: „Welche Praxis kann und soll die Universität vermitteln?“. Geht es bei „Praxis“ um die Anwendung und Umsetzung von z.B. einem gelernten Modell oder einem Managementansatz oder soll die Universität ihren Studierenden auch beibringen, wie sie z.B. richtig telefonieren oder sich einem Vorgesetzten gegenüber verhalten sollen. Telefonieren z.B. ist etwas, das praktisch hoch relevant und wichtig erscheint, aber ist es Aufgabe der Universität so etwas zu vermitteln und kann sie das überhaupt? Kaube stellt die These auf, dass das Wissen und die Techniken zur Anwendung des Wissens, die an der Universität erlernt und häufig als „praxisnah“ deklariert werden, die Praxis lange nicht vollständig abbilden. Praxis sei viel mehr als die Anwendung von bestimmten Techniken und Modellen. Dazu gehöre eben auch die Fähigkeit, eine Situation richtig erfassen und bewerten zu können oder in einem schwierigen Gespräch den Überblick zu behalten. Hier differenziert er zwar zwischen Studiengängen, die gezielt auf einen Beruf vorbereiten wie z.B. das Medizin- oder das Jurastudium und Studiengängen, die breiter angelegt sind und nicht von vornherein einen bestimmten Beruf im Blick haben wie z.B. Geographie oder Physik. Allerdings gelte seine These im Grunde für beide Arten von Studiengängen, denn: „Ein guter Anwalt wird man nicht durch das Studium“. Da es schwierig ist, vieles, was praxisrelevant ist, im Studium zu vermitteln, stellt Kaube provokativ die Frage: „Vielleicht wird man an der Universität ja auch einfach nur älter?“ Damit will er der Universität nicht die Fähigkeit absprechen, bestimmte Kompetenzen und Inhalte zu vermitteln, allerdings läuft seine Argumentation darauf hinaus, dass viele Facetten der Praxis in der Universität nicht erlernbar sind. Jürgen Kaube schliesst seinen Vortrag mit einer Liste von Fähigkeiten und Kompetenzen, die seiner Meinung nach unbedingt durch die Universität thematisiert werden sollen und die er selbst aus seinem Studium mitnehmen konnte. Dazu gehören die kritische Auseinandersetzung mit Informationen, das Erkennen von Restriktionen und Begrenzungen, das richtige Einschätzen von Situationen und die Fähigkeit zur Reflexion. Diese Fähigkeiten können sehr flexibel eingesetzt werden und führen letztendlich dazu, dass Erkenntnis entsteht. Vor allem an der Ausbildung dieser Fähigkeiten muss die Universität arbeiten und weniger an Einüben bestimmter Techniken, die unflexibler und weniger wichtig für die Arbeit in der Praxis sind.

Diskussionswürdig finde ich vor allem die Sicht Kaubes auf „die Praxis“ und seine Konsequenzen für die universitäre Lehre. Auch die Frage, ob die Universität eine „Umweg-Organisation“ ist, an der man hauptsächlich älter wird, um dann in ein Unternehmen arbeiten zu können, bietet Potenzial für einen interessanten Diskurs.

Jahrestagung der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE)

Dietrich Wagner

Vom 24. September – 26. September besuchten Taiga Brahm, Patrizia Kühner und ich die Jahrestagung der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der DGfE. Die Tagung fand in der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd statt, die zwar etwas abseits des Stadtzentrums, aber dennoch sehr schön mit Blick auf die Kaiserberge in der Schwäbischen Alb gelegen ist.

Die Konferenz war zweigeteilt, wobei am Mittwoch ein ganzer Nachmittag für die „Young Researcher“ reserviert war. In diesem Rahmen gab es die Möglichkeit Dissertationsvorhaben vorzustellen und sich über noch ungelöste Fragen auszutauschen. Es war spannend zu sehen mit welchen Fragen sich andere Doktoranten beschäftigen und welche Herausforderungen dabei auftreten. Ausserdem wurde mir bewusst wie wertvoll Feedback und kritisches Nachfragen von anderen Forschern bei der Realisierung eines Forschungsprojektes sein kann.

Die Hauptkonferenz wurde offiziell am Donnerstag mit einer Keynote von Prof. Dr. Stefan Wolter von der Universität Bern eröffnet. Prof. Wolter referierte darüber welche Einflussfaktoren und Mechanismen den Lehrstellenmarkt von der Angebots- und Nachfrageseite beeinflussen können und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind.

Der Rest der Konferenz war in moderierten Sessions organisiert, in denen thematisch ähnliche Forschungsprojekte vorgestellt und diskutiert wurden. Alle besuchten Vorträge waren interessant und inspirierend, zwei für mich besonders spannende Vorträge will ich ein bisschen näher beschreiben:

Dr. Sebastian Lerch von der Universität in Bamberg beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Konstrukt der Selbstkompetenz, wobei er sich in seiner Forschung die Frage gestellt hat, was Selbstkompetenz ist und wie sie sich auswirkt. Die erste Frage lässt sich seiner Meinung nach, selbst nach ausführlicher Auseinandersetzung, nicht abschliessend beantworten, da noch nicht mal klar ist, ob es eine Selbstkompetenz im Singular gibt oder ob es viele verschiedene andere Kompetenzen sind, die unter dem Begriff „Selbstkompetenz“ zusammengefasst werden. Seine Antwort auf die Frage nach der Wirkung der Selbstkompetenz offenbarte eine für mich noch nie beachtete, aber sehr spannende, Sichtweise auf das Thema. Sein abschliessendes Fazit war: „Die Auflösung des Selbst ist Teil von Selbstkompetenz“. Dr. Lerch versucht damit zu beschreiben, wie der einzelne seine Identität und seine Besonderheiten zugunsten einer Anpassung an die ökonomischen Herausforderungen aufgibt. Damit trägt die Förderung von Selbstkompetenz zu einer Erosion der Identität des Einzelnen bei.

Prof. Dr. Thomas Bienengräber von der Universität Duisburg-Essen referierte über die These, dass das moralische Urteil eines Menschen nicht von einem allgemeinen moralischen Prinzip abhängt, das das Individuum in sich trägt, wie Prof. Kohlberg das beschrieben hat. Auch sind nach Prof. Bienengräber die verschiedenen Lebensbereiche wie z.B. Arbeit oder Freundeskreis nicht ausschlaggebend für das moralische Urteil, wie Prof. Klaus Beck das in seinen Forschungen herausarbeitet. Vielmehr hängt das Urteil von den speziellen Parametern einer Situation ab, die unabhängig von einem bestimmten Lebensbereich bzw. einer bestimmten Rolle sind. Prof. Bienengräber versucht damit in seiner Forschung Alternativen zu den bisherigen Ansätzen über das moralische Urteilen aufzuzeigen.  Dafür wird der Begriff der Situation genau definiert und herausgearbeitet, welche Gestaltungselemente eine Situation haben kann. In seiner Forschung legt Prof. Bienengräber seinen Probanten zwei Dilemmasituationen vor, die aus verschiedenen Lebensbereichen kommen, aber die gleichen situativen Elemente enthalten und prüft damit nach, ob die Probanden in beiden Fällen das gleiche Urteil fällen. Es liegen zwar schon erste Forschungsergebnisse vor, allerdings sind diese bisher noch nicht eindeutig und liefern deshalb keine Evidenz für oder gegen die vorgestellte These.

Es war sehr spannend von den Projekten anderer Forscher zu hören und sich in Themenbereiche reinzudenken, die man bisher nur oberflächlich betrachtet hat. Darüber hinaus konnte ich neue Kontakte knüpfen und bestehende vertiefen, was die Konferenz für mich noch wertvoller gemacht hat.