Dozierendentagung 2015 – Gute Denkanstösse und kritische Fragen

Dietrich Wagner

Am 22.04 lud die Universität St. Gallen ihren gesamten Lehrkörper zur jährlich stattfinden Dozierendentagung ein. Die Tagung beschäftigte sich in diesem Jahr mit der Frage, wie viel Praxis und Theorie in der universitären Lehre enthalten sein sollte. Neben einer Keynote von Dr. Jürgen Kaube, einem Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gab es noch die Wahl zwischen drei Workshops, die das Thema in verschiedenen Facetten beleuchteten. Es war insgesamt eine gute Mischung aus Denkanstössen in den verschiedenen Vorträgen und der Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich kennenzulernen.

Sehr zum Nachdenken gebracht hat mich die Keynote von Dr. Kaube, in der er sich mit der Frage auseinandersetzte, wie viel Praxis der Theorie eigentlich gut tut. Er begann seinen Vortrag mit der Auseinandersetzung des Begriffspaares „Theorie“ und „Praxis“ und stellte fest, dass die Universität immer in einem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Schwerpunkten liegt. Zum einem gibt es Interessen innerhalb der Universität, die die Forschung betonen möchten, zum anderen fordern die zukünftigen Arbeitgeber der Studierenden und die Studierenden selber möglichst praxisnahe Inhalte. Die sehr interessante Frage, die er an dieser Stelle stellt, lautet: „Welche Praxis kann und soll die Universität vermitteln?“. Geht es bei „Praxis“ um die Anwendung und Umsetzung von z.B. einem gelernten Modell oder einem Managementansatz oder soll die Universität ihren Studierenden auch beibringen, wie sie z.B. richtig telefonieren oder sich einem Vorgesetzten gegenüber verhalten sollen. Telefonieren z.B. ist etwas, das praktisch hoch relevant und wichtig erscheint, aber ist es Aufgabe der Universität so etwas zu vermitteln und kann sie das überhaupt? Kaube stellt die These auf, dass das Wissen und die Techniken zur Anwendung des Wissens, die an der Universität erlernt und häufig als „praxisnah“ deklariert werden, die Praxis lange nicht vollständig abbilden. Praxis sei viel mehr als die Anwendung von bestimmten Techniken und Modellen. Dazu gehöre eben auch die Fähigkeit, eine Situation richtig erfassen und bewerten zu können oder in einem schwierigen Gespräch den Überblick zu behalten. Hier differenziert er zwar zwischen Studiengängen, die gezielt auf einen Beruf vorbereiten wie z.B. das Medizin- oder das Jurastudium und Studiengängen, die breiter angelegt sind und nicht von vornherein einen bestimmten Beruf im Blick haben wie z.B. Geographie oder Physik. Allerdings gelte seine These im Grunde für beide Arten von Studiengängen, denn: „Ein guter Anwalt wird man nicht durch das Studium“. Da es schwierig ist, vieles, was praxisrelevant ist, im Studium zu vermitteln, stellt Kaube provokativ die Frage: „Vielleicht wird man an der Universität ja auch einfach nur älter?“ Damit will er der Universität nicht die Fähigkeit absprechen, bestimmte Kompetenzen und Inhalte zu vermitteln, allerdings läuft seine Argumentation darauf hinaus, dass viele Facetten der Praxis in der Universität nicht erlernbar sind. Jürgen Kaube schliesst seinen Vortrag mit einer Liste von Fähigkeiten und Kompetenzen, die seiner Meinung nach unbedingt durch die Universität thematisiert werden sollen und die er selbst aus seinem Studium mitnehmen konnte. Dazu gehören die kritische Auseinandersetzung mit Informationen, das Erkennen von Restriktionen und Begrenzungen, das richtige Einschätzen von Situationen und die Fähigkeit zur Reflexion. Diese Fähigkeiten können sehr flexibel eingesetzt werden und führen letztendlich dazu, dass Erkenntnis entsteht. Vor allem an der Ausbildung dieser Fähigkeiten muss die Universität arbeiten und weniger an Einüben bestimmter Techniken, die unflexibler und weniger wichtig für die Arbeit in der Praxis sind.

Diskussionswürdig finde ich vor allem die Sicht Kaubes auf „die Praxis“ und seine Konsequenzen für die universitäre Lehre. Auch die Frage, ob die Universität eine „Umweg-Organisation“ ist, an der man hauptsächlich älter wird, um dann in ein Unternehmen arbeiten zu können, bietet Potenzial für einen interessanten Diskurs.

3 Gedanken zu „Dozierendentagung 2015 – Gute Denkanstösse und kritische Fragen

  1. pkuehner

    Lieber Dietrich,
    danke für deinen informativen Beitrag. Mein Eindruck ist – ähnlich wie du es antönst – dass die grundsätzliche Frage ist, ob die Universität die Praxis ersetzen soll und kann. Mich würde dazu interessieren, welche Erwartungen die Praxis an Hochschulabsolventen und damit implizit an die Lehre an der Hochschule hat. – Die Liste von Fähigkeiten und Kompetenzen am Schluss, die du resümierst, erscheint mir ein Indiz. Aus der Sicht der Kompetenzentwicklung scheinen mir diese Anforderungen aber nur lösbar, wenn man tatsächlich authentische praxisnahe Lernumgebungen schafft UND sie in diesem Kontext prüft.

    Antworten
  2. tbrahm

    Danke für deinen Beitrag, Dietrich! Für mich stellt sich ebenfalls die Frage nach den von der Praxis geforderten Kompetenzen. Eine Zeitlang gab es die Mode, Stellenanzeigen zu analysiseren, um herauszufinden, welche Kompetenzen Unternehmen suchen, wobei ich das für eine seltsame Praxis halte, da ich nicht glaube, dass dies tatsächlich dem entspricht, was von Hochschulabsolventen erwartet wird. Etwas aussagekräftiger scheint mir eine Studie von NetImpact und dem World Environment Center unter dem Titel „Business Skills for a Changing World: An Assessment of What Global Companies Need from Business Schools“ (zu finden unter https://netimpact.org/research-and-publications/business-skills-for-a-changing-world). Es wurden allerdings schon 2011 33 international agierende Unternehmen befragt: Dort wird unterschieden zwischen „inside skills“, wobei hier das Verständnis der Prozesse, Strukturen etc. in Unternehmen gemeint ist und „outside skills“ (über den Tellerrand schauen, politische Entscheidungen berücksichtigen, Nachhaltigkeit integrieren, etc.). Es werden auch die von dem Referenten, Herrn Kaube, angesprochenen Kompetenzen erwähnt: „management of complexity, systems thinking…“.
    Letztlich stellt sich die Frage, wie diese Kompetenzen an Universitäten – unter den gegegebenen Bedingungen – entwickelt werden können. Dabei können authentische Lernumgebungen, wie von Patrizia vorgeschlagen, sicherlich einen Weg darstellen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass wir zukünftig viel stärker individualisierte Lernpfade zulassen, dass die Strukturen der Universität weiter aufgebrochen werden. Erste Zeichen sehen wir bereits in Studienprogrammen wie dem SIM an der HSG. Nichtsdestotrotz wäre es notwendig, weitere innovative Lernumgebungen zu entwickeln. Dabei würde ich aber nicht vergessen wollen, dass es bei aller Praxisorientierung an Universitäten auch einen Anspruch an Wissenschaftlichkeit gibt, der m.E. nicht verloren gehen darf.

    Antworten
    1. Dietrich Wagner

      Danke für eure Impulse. Ich persönlich habe nach dem Vortrag einen ähnlichen Gedanken gehabt, wie ihn Taiga in ihrem letzten Satz äussert: Wo und wann muss die Universität aufhören lediglich ein „Partner der Praxis“ zu sein und ihre eigenen Prinzipien, die sich wohl am besten mit dem Wort „Wissenschaftlichkeit“ zusammenfassen lassen, vertreten. Natürlich ist es wichtig in der Praxis eine gute Präsentation halten zu können oder bei einer Verhandlung zu wissen was man tun soll, aber darf man dafür Abstriche machen bei Themen wie z.B. dem wissenschaftlichem Arbeiten? Das Denken und Arbeiten an der Universität, also die wissenschaftliche Praxis, unterscheidet sich von der in der Wirtschaft und ich finde genau das macht die Universität aus und sollte sie in Zukunft auch ausmachen. Eine Anpassung der beiden Welten aus Gründen der besseren „Praxisorientierung“ halte ich für nicht sinnvoll. Vor allem in Verbindung mit individualisierten Lernpfaden sollte man meiner Meinung darauf achten, dass die Spezifika der Universität nicht verloren gehen.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*