Archiv für den Monat: März 2014

Neu, besser, exzellent? Wie das Neue in die Hochschullehre kommt – oder auch nicht.

Am Montag, den 03. März war ich auf Einladung des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft als Impulsgeber auf der Tagung „Neu, besser, exzellent? Über Innovationen in der Hochschullehre“. Es war die zweite Lehr/-Lernkonferenz im Rahmen des Fellowship-Programms der Baden-Württemberg Stiftung, der Joachim Herz Stiftung und des Stifterverbands, das innovative Lehrende bei ihren Projekten an Hochschulen unterstützt. Neben Prof. Dr. Isa Jahnke durfte ich als zweiter Redner der Frage nachgehen, wie das Neue in die Hochschule kommt. Kommentiert wurden beide Inputs von Prof. Dr. Wolfgang Jütte, der die Begleitforschung des Fellowship-Programms verantwortet. Ich übernahm den kritischen Part: Unter dem Titel „Viel Neues und doch keine Innovation!?“ ging ich der Frage nach, welche Hindernisse einer nachhaltigen Implementation von Lehrinnovationen entgegenstehen. Download:

Jenert, T. (2014). Viel Neues und doch keine Innovation!? Fünf Thesen, warum es die Lehrentwicklung an Hochschulen schwer hat. Zweite Lehr-/Lernkonferenz des Fellowship-Programms für innovative Lehre, 02. März, Berlin.

Neben dem Input besuchte ich noch einen Workshop der Arbeitsgruppe „Medizin“, in der drei Projekte von Fellows vorgestellt wurden. Interessant war für mich, dass die Mediziner ähnliche Herausforderungen für die Lehre beschrieben, wie wir sie auch in der Management-Ausbildung kennen. Es gibt ein „Gefühl“, dass die Studierenden nicht unbedingt gut auf jene Kompetenzen geprüft werden, die später für eine gute klinische Praxis ausschlaggebend sind. Gleichzeitig lassen die Rahmenbedingungen aber oft nur unbefriedigende Prüfungsstrukturen (vielfach Multiple Choice) zu. Einen interessanten Ansatz brachte in diesem Kontext Dr. Tobias Raupach, der so genannte Key-Feature-Assessments einsetzt, um tatsächliche diagnostische Kompetenz zu prüfen und zwar mit vergleichbarem Aufwand wie bei Multiple Choice-Prüfungen. Auf jeden Fall werde ich noch genauer drüber nachdenken, ob man diese Art der Prüfung auch in unseren wirtschaftswissenschaftlichen Kontexten einsetzen könnte.

Insgesamt eine sehr interessante Erfahrung und ein lehrreicher Tag in Berlin.

Leute, wir sind an einer UNI

Als Beitrag zum Themenheft „Studienprogrammentwicklung“ der Zeitschrift für Hochschulentwicklung habe ich mich in einem Beitrag mit der Bedeutung akademischer Kulturen für die Lehrentwicklung befasst. Im wesentlichen geht es mir darum, auch und gerade im Rahmen des „Shift from Teaching to Learning“ nicht zu vergessen, in welchem Kontext wir uns befinden – in der Wissenschaft. Angesichts der ganz spezifischen Merkmale akademischer Karrierewege, Persönlichkeiten und Kulturen sollten sich Lehrentwickler/-innen bewusst sein, dass eine Abkehr von der disziplinären Sichtweise bisweilen eine grosse Herausforderung für Lehrende darstellt. Warum genau und an welchen Stellen man besonders aufmerksam in Bezug auf akademische Kulturen sein sollte, kann man im Beitrag nachlesen:

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Hochschulentwicklung an der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung

Am 4. und 5. März war ich auf der zweiten Jahrestagung der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung in Frankfurt am Main. Präsentieren durfte ich Ergebnisse aus unserer (Taiga Brahms und meiner) Mixed Methods-Studie zur Motivationsentwicklung der Studienanfänger/-innen an der Universität St.Gallen:

Jenert, T. & Brahm, T. (2014). Entwicklung der Motivation von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften im ersten Studienjahr – eine Mixed-Methods-Studie. 2. Jahrestagung der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung, 3.-5. März, Frankfurt am Main.

Unser Beitrag war Teil des Symposiums „Motivation für das Studieren: Theorie – Messung – Intervention“, unter Vorsitz von Thomas Martens (DIPF), Rolf Schulmeister und Christiane Metzger. Sehr detailliert und daher wertvoll fand ich auch den Beitrag Diskutandin Katrin Rakoczy, die sich offensichtlich intensiv mit den Beiträgen auseinandergesetzt hatte. So gab sie konkrete Hinweise auf mögliche Verbesserungspotenziale und alternative Interpreationsmöglichkeiten unserer Forschung (und auch der anderen Beiträge des Symposiums).

Ich empfand das Symposium als besonders spannend, da insbesondere die Beiträge von Schulmeister und Metzger im Kontext der bekannten ZEITlast-Studie ausgesprochen interessante Anregungen für die pädagogische Hochschulentwicklung bieten. So wurde – ausgehend von der Erkenntnis, dass Studierende im Mittel nur rund 23 Stunden pro Woche für das Studium aufwenden – an der FH St. Pölten eine Studienstruktur in Ahnlehnung an den so genannten „Blockplan“ eingeführt. Dies bedeutet, es werden kürzere, dafür zeitlich umfangreichere Module angeboten, was letztlich zu weniger parallelen Lehrveranstaltungen und Themen führt. Die effektive Studienzeit konnte so auf rund 34 Stunden pro Woche erhöht werden und auch die Studienleistungen verbesserten sich deutlich. Ähnliche Überlegungen wurden auch an unserer Universität vor nicht allzu langer Zeit diskutert, bislang leider ohne konkrete Folgen.

Zudem gab es nette Begegnungen mit Kollegen und den festen Plan, im Rahmen der Motivationsforschung in diesem Jahr konkreter zusammenzuarbeiten.

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Zwei Projekte – eine Herausforderung: Education for sustainable development an der Universität St.Gallen

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Die abgebildete Word-Cloud wird in diesem Beitrag dazu genutzt werden, zwei Projekte der Hochschulentwicklung vorzustellen, die die Zieldimension „Education for sustainable development“ teilen, die als aktuelle gesellschaftliche Leitidee in allen Bildungsbereichen diskutiert wird. In der Word-Cloud selbst ist die Begriffshäufigkeit der beiden Projektanträge visualisiert.

Die Lehre an einer Wirtschafts-Hochschule, in der diese beiden Projekte realisiert werden, erhält besondere Aufmerksamkeit, da die Anforderungen der wirtschaftlichen Praxis im Interesse einer globalisierten Gesellschaft verantwortungsvolle Führungskräfte verlangt.

In ihren Leitsätzen zur Verantwortung und Nachhaltigkeit bekennt sich die Universität St. Gallen zu der „Aufgabe, zur Bewältigung der Herausforderungen von Verantwortung & Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft beizutragen und deren Anforderung in alle unsere Aktivitäten zu integrieren“ und sind so unmittelbarer institutioneller Bezugspunkt für die vorgestellten Projekte.

1.)  Worin besteht die „Entwicklung“?

In beiden Projekten wird jeweils ein geeigneter Rahmen entwickelt, innerhalb dessen Kompetenzerwerb hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung ermöglicht wird.

Im ersten Projekt, geleitet von Frau Prof. Dr. Taiga Brahm, wird das bestehende BWL-Curriculum des Bachelors BWL der Universität St. Gallen dahingehend weiterentwickelt, dass Studierende eine Kompetenz hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung erwerben können. Im Gegensatz zu vielen existierenden Bildungsangeboten, die eine komplette Lehrveranstaltung dem Thema „Sustainable Development“ widmen, ist das Ziel dieses Projekts, Kompetenzerwerb hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung durch das gesamte Curriculm hinweg zu stärken. („Development of a Curriculum Integrating Sustainable Development in Management Education“) 

Im zweiten Projekt, geleitet von Frau Prof. Dr. Sabine Seufert, wird ein Toolkit entwickelt, das Lehrenden einen systematisierten Zugang zu Unterrichtsressourcen bietet. Mit diesen können sie in ihren Lehrveranstaltungen Kompetenzen hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung ihrer Studierenden entwickeln. Überdies wird es dieses Toolkit im Rahmen des Faculty Developments Lehrenden ermöglichen, sich über die Ressourcen auszutauschen und diese zu ergänzen. So wird ebenfalls die Entwicklung von Expertise über das Lehren von nachhaltiger Entwicklung ermöglicht. („Educational Sustainability Toolkit for Faculty“)

2.)  Was bedeutet „nachhaltig“?

Zur inhaltlichen Dimension ist der gemeinsame Ausgangspunkt in der Literatur meist das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung. Dieses sieht für alle Disziplinen eine möglichst gleichberechtigte und gleichzeitige Berücksichtigung von wirtschaftlichen, sozialen sowie ökologischen Zielen vor. Mit Blick auf die englischen Begrifflichkeiten kann man von den neuen „3Ps“ sprechen.Unbenannt2

Die beiden vorgestellten Projekte fokussieren darüber hinaus insbesondere Nachhaltigkeit in ihrer didaktischen Dimension. Durch die Förderung von kritischem Denken, interdisziplinärem Problemlösen und individueller Verantwortlichkeit, soll das inhaltliche Thema „Nachhaltigkeit“ auch tatsächlich nachhaltig in Lehren und Lernen implementiert werden.

3.)  Was soll bei der Gestaltung von Bildung hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung Berücksichtigung finden?

Gemeinsamer Ausgangspunkt beider Projekt ist die Entwicklung eines Verständnis über die ‒ nennen wir sie an dieser Stelle ‒ „Nachhaltigkeits-Kompetenz“ der Studierenden. Zu dieser gehört neben dem Wissen über Nachhaltigkeit auch, dass Studierende in der Zukunft ebenso nachhaltig handeln und schlussendlich eine entsprechende Einstellung entwickeln.

Prägend für beide Projekte ist die unmittelbare Entwicklung der Konzepte für bestehende und geplante Lehrveranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Lehrenden. Diskussionswürdige Aspekte zum Verständnis und dessen inhaltlicher und didaktischer Umsetzung können so im Gestaltungsprozess Berücksichtigung finden und weiter präzisiert werden.

Eine zusätzliche wichtige Austauschplattform im Gestaltungsprozess wird der Sustainable University Day sein. Alle Projekte, die im Rahmen des „Sustainable Development at Universities Programme“ der Schweizer Universitätskonferenz gefördert werden, wie auch die beiden vorgestellten, sind eingeladen, sich über ihre Vorhaben zur „Education for sustainable development“ auszutauschen. Sicherlich werden wir an dieser Stelle wieder berichten.

 

 

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Faculty Development: Für wen und wozu?

Die Frage in der Überschrift erscheint auf den ersten Blick natürlich reichlich einfältig. Faculty Development (FD) im Rahmen der pädagogischen Hochschulentwicklung zielt darauf, Lehrende zu „guter Lehre“ zu befähigen. Das Team Hochschulentwicklung – allen voran Marion Lehner und Taiga Brahm – sind in diesem Zusammenhang dabei, eine Neukonzeption für das FD an der Universität St.Gallen zu entwickeln. Auf dem Weg von einem hochschuldidaktischen Ausbildungsprogramm zu einem umfassenden lehrorientierten FD geht es unter anderem darum, die persönliche Entwicklung der Lehrenden stärker in den Mittelpunkt zu stellen und gegenüber den inhaltlichen Elementen (im Wesentlichen traditioneller Weiterbildung in Form von Präsenzkursen) zu stärken. Ein persönliches Lehrprojekt wird dazu ebenso beitragen wie verstärkte Mentoring-Elemente und eine bessere Verzahnung mit den Studienprogrammen. So wird das FD durch die Einbindung etablierter Professoren als Mentoren/-innen einerseits eine bessere Verknüpfug zur akademischen Karriereentwicklung erfahren. Andererseits sollen die Programmleitenden aktiv bei der Entwicklung und Umsetzung von Ideen für die Lehrprojekte eingebunden werden.

Vergangene Woche wurde dieses Konzept einem grösseren Kreis interessierter Personen, insbesondere aus den Services sowie Vertretern/-innen des Mittelbaus, vorgestellt. Die umfassenden und wertvollen Rückmeldungen in diesem Kreis boten Anlass, einige grundsätzliche Fragen zu überdenken, die vielleicht nicht nur für unser Projekt, sondern für pädagogische Hochschulentwickler/-innen bzw. Hochschuldidaktiker/-innen allgemein interessant sein könnten. Zunächst wurden folgende Herausforderungen deutlich:

  • Zahlreiche Themen, die für die Lehrqualität ausserordentlich relevant sind, liegen nicht oder nur teilweise in unserem Blickfeld. Beispiele sind hier etwa Fragen der psychischen Belastbarkeit von Lehrenden und Studierenden, Herausforderungen im Rahmen der akademischen Karriereentwicklung, oder die inhaltlich/thematische Weiterentwicklung Nachwuchslehrender.
  • Viele Lehrende sind – zumindest an unserer Hochschule – sowohl für die Hochschulentwicklung als auch für die Servicestellen schwer zu erreichen. Dies gilt insbesondere für externe Lehrbeauftragte. Hier kann die Lehrqualität allein schon dadurch beeinträchtigt werden, dass zentrale Prozesse nicht bekannt oder die eigene Programmzugehörigkeit nicht klar ist.
  • Obwohl unsere Universität vergleichsweise klein und thematisch konzentriert ist, gibt es doch wesentliche Unterschiede in der Lehrorganisation der Schools (Fakultäten). Die disziplinäre Zuordnung der Lehrenden spielt also auch bei uns eine wichtige Rolle, da sich etablierte Lehrpraktiken und Lernkulturen selbst zwischen so verwandten Fächern wie Betriebs- und Volkswirtschaft doch wesentlich unterscheiden können.

Diese Erkenntnisse sind jetzt nicht besonders überraschend, sie werfen für die Gestaltung des FD aber doch ganz zentrale Fragen auf: Sollen wir uns auch um Fragen der Lehrorganisation an unserer Hochschule kümmern, wo es uns doch eigentlich darum geht, „gute Lehrende“ aus pädagogisch-didaktischer Sicht zu fördern? Anders ausgedrückt: Wollen und können wir „gute Lehre“ für sich selbst genommen fördern, oder geht es darum, gutes Lehren an der Universität St.Gallen zu unterstützen?  Darüber kann man sich schon etwas länger den Kopf zerbrechen, denn die Antwort ist nicht so eindeutig: Natürlich erheben wir aus pädagogisch-didaktischer Sicht den Anspruch, grundlegende Handlungskompetenzen für die Hochschullehre zu fördern. Die Absolvierenden unseres FD-Programms sollen auch an anderen Hochschulen gute Lehre betreiben können. Auf der anderen Seite vertreten wir als Hochschulentwickler/-innen aber auch den Anspruch, die Lehre an unserer Universität beständig weiter zu entwickeln. Und um über das FD möglichst unmittelbare Wirkung auf das Lehrhandeln der Dozierenden zu erzielen, ist eben eine sehr enge Verknüpfung mit den spezifischen Gegebenheiten an unserer Universtität ganz entscheidend.

Unser konkretes Fazit: Wir werden bei der Gestaltung des Faculty Development verstärkt darum bemüht sein, Kolleg/-innen aus anderen Bereichen der Universität (z.B. Beratungsstellen, Forschungs- und Karriereförderung, Lehradministration, Fakultäten) an geeigneten Stellen in das FD einzubinden.