Archiv für den Monat: Dezember 2013

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Prüfen im Rahmen von Lehrveranstaltungen – zielorientiert und fair

Im Rahmen der turnusmässigen „Mittelbau-Talks“ (MIB-Talk) hatte mich der Vorstand des Mittelbaus der Universität St.Gallen eingeladen, zum Thema „Prüfen“ zu berichten.

Die Qualität von Lehre an Hochschulen ist ja eng mit der Qualität von Prüfungen verbunden. Prüfungen haben eine hohe Wirkungskraft auf das Lernen Studierender. Immer wieder ist auch die Rede davon, dass Prüfungen den „heimlichen Lehrplan“ repräsentieren. Denn: „Wenn etwas nicht geprüft wird, dann wird es auch nicht gelernt“ (Reeves, 2006). Der Kohärenz von Lernzielen, Lernformen und Prüfungsformen kommt daher eine grosse Bedeutung für die Qualität von Lehre zu.

Mein Beitrag fokussierte die zentralen Fragen, die sich Lehrpersonen stellen, wenn sie eine Prüfung zu einer Lehrveranstaltung entwickeln:

  • Wozu prüfen?
    Soll die geplante Lernerfolgskontrolle formativen Charakter haben und auf den weiteren Lernprozess der Studierenden wirken oder geht es darum, im Rahmen einer summativen Lernerfolgskontrolle einen Nachweis zu den erworbenen Kompetenzen zu erbringen?
  • Was prüfen?
    Wie können die Lern- / Entwicklungsziele und die Prüfungsaufgaben in eine gute Passung gebracht werden – insbesondere im Hinblick auf das kognitive Anspruchsniveau? Und wie sollen Lernziele und Themen für eine Überprüfung ausgewählt werden?
  • Wie prüfen?
    Wie hängen die Bearbeitungsform von Prüfungsaufgaben und das erreichbare Anspruchsniveau zusammen?
  • Wie auswerten?
    Welche Form der Beurteilung von Ausführungen zu Prüfungsaufgaben (global vs. analytisch) ist wann sinnvoll? Was sind Anforderungen an eine Musterlösung und ein Bewertungsschema? Und über welchen Bewertungsmassstab sollen schliesslich erreichte Punktbewertungen in eine Note überführt werden?
  • Wie gut prüfen?
    Was sind die zentralen Qualitätsanforderungen an Prüfungen? Inhaltsgültigkeit; Objektivität in der Durchführung und Auswertung; Chancengerechtigkeit; aber auch Prüfungsökonomie.

Hier die Folien zu diesem Beitrag, die diese fünf Grundfragen aufgreifen und vertiefen und am Ende noch ein paar Ideen für das Weiterdenken von Prüfungsformen aufgreifen:

 

Für Diskussion sorgte gegen Ende der Veranstaltung noch der Aspekt der Chancengerechtigkeit und Fairness. Hier stellt sich immer wieder die Frage, ob und wie geringere Sprachkompetenzen bei Studierenden im Austauschsemester oder Studierenden aus dem Ausland bei der Bewertung berücksichtigt werden sollen. Zudem haben wir – zunächst kontrovers – diskutiert, inwiefern es im Sinne der Fairness wichtig ist, dass Lehrpersonen auf kulturelle Besonderheiten Rücksicht nehmen. Hier musste zunächst das Missverstandnis ausgeräumt werden, dass dadurch die Ansprüche an fachliche Inhalte relativiert würden. Lehrpersonen, so der Tenor der folgenden Beiträge, sollten die gestellten Prüfungsaufgaben auch dahingehend reflektieren, ob nicht in unbeabsichtigter Weise kulturspezifisches Wissen die Bearbeitung erleichtern bzw. erschweren kann: etwa wenn bei einer Aufgabenstellung zu einem Business-Case nach Marktchancen gefragt wird für Velo-Flickis (Fahrradreparaturwerkstätten), verschiedene Käsesorten oder konkurrierende Graubündener Wintersportregionen – hier wären ausländische Studierende aus Ländern, in denen wenig Fahrrad gefahren oder Wintersport betrieben wird vermutlich benachteiligt.

Verweise

Reeves, T. C. (2006). How do we know they are learning?: The importance of alignment in higher education. International Journal of Learning Technology, 2(4), 294–309.

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Entwicklung von Lernzielen für universitäre (Weiter-)Bildungsveranstaltungen

Workshop im Rahmen der Tagung zu „Guter Lehre“ an der Universität Bern am 08.11.2013

Am 08. November 2013 fand an der Universität Bern die Tagung „Die ’’gute’’ Hochschullehre in der Hochschulweiterbildung“ statt. Die etwa 100 Teilnehmer, überwiegend aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz sowie aus Deutschland, waren der Community der Hochschuldidaktiker und -entwickler der Universitäten und Fachhochschulen zugehörig. Nach Plenumsvorträgen folge eine Session mit drei parallel laufenden Workshops. Ganz besonders interessant fand ich den angebotenen Workshop von Dr. Martin Wild-Näf und Judith Studer von der Fachhochschule Bern, der die Erarbeitung von Learning Outcomes thematisierte. Sicherlich stellt dies kein brandneues Thema dar – jedoch war die Darstellung der einzelnen Schritte ebenso gut strukturiert wie praxisnah und somit ein wertvoller Beitrag für die Anwesenden.

Deutlich wurde von den Vortragenden hervorgehoben, dass das Festsetzen der Lernziele eine wichtige Basis für ein ganzes Studienprogramm oder einen einzelnen Kurs darstellt. Um zu den Learning Outcomes zu gelangen, sind die Handlungssituationen zu analysieren, in denen sich die Lernenden im Alltag wiederfinden und mit Problemen konfrontiert werden. Hier wäre eine erste Frage:

1.       Zu welchem Handeln sollen die Lernenden befähigt werden?

Direkt hieraus ergibt sich die Frage nach den benötigten Kompetenzen, um in diesem Handlungsfeld bestehen zu können:

2.       Wie sieht ein zugrundeliegendes Kompetenzprofil aus?

Der Blick sollte zum einen in die Berufspraxis gehen. Hier könnten rechtliche Vorgaben oder Stellenanzeigen Hinweise darauf geben, welche Kompetenzen gefordert werden. Hier wird die grösste Herausforderung gesehen, „korrekte“ Kompetenzprofile zu erstellen – also die Passung zum Arbeitsmarkt, i. d. R. zu Anforderungen an Arbeitnehmer in öffentlichen und privaten Insitutionen, herzustellen. Da die Betrachtung der Vortragenden durch die Linse der Fachhochschulen erfolgte, wäre noch zu bedenken, dass eine Universität die Wissenschaft als weiteren Stakeholder am Arbeitsmarkt zu berücksichtigen hat. Anbieter von (Weiter-)Bildungsveranstaltungen wurden weiterhin von den Vortragenden als kreative Köpfe angesehen: Um den Markt weiterentwickeln zu können, bedarf es einer Reflexion seitens des Anbieters, welches Ziel mit den angebotenen Formaten langfristig angesteuert werden soll. Sicherlich ist an dieser Stelle auch die Anschlussfrage zu stellen, ob ein Kompetenzprofil neben dem direkten beruflichen Bezug nicht auch noch breitere Aspekte, wie z. B. die Allgemeinbildung, beinhalten sollte.

In einem nächsten Schritt werden erarbeitete Kompetenzen operationalisiert bzw. konkretisiert. Folgende Fragen können im weiteren Vorgehen unterstützen:

3.       Welche Inhalte unterstützen die Lernzielerreichung am besten?

Sowohl die Voraussetzung der Teilnehmenden als auch fachdisziplinäre Schwerpunkte sind in der inhaltlichen Abstimmung zu bedenken. Abschliessend sind Gedanken zum richtigen „Mix“, d. h. zur Gestaltung des gesamten Curriculums notwendig.

 4.       Welcher Mix angebotener Formen von Kompetenzerwerb wirkt am besten? Welche Inhalte könnten zum Block gebündelt werden? Welche Nachweise und welche Sequenzierung macht Sinn?

Über die Verdeutlichung des angestrebten Kompetenzprofils der Absolventen kann das Curriculum gesteuert werden und so eine Passung von Profil – Inhalt – Nachweis erreicht werden. Eine Zusammenarbeit mit der Berufspraxis und den bisherigen und zukünftigen Dozierenden/Lehrbeauftragten erscheint in diesem Zusammenhang als sehr wichtig. Die auf der Tagung vorgestellten Schritte und Implikationen zur Lernzielentwicklung decken sich mit unserem eigenen Verständnis der Kompetenzorientierung bei der Curriculumsgestaltung auf Programmebene und wird auch so von uns im Beratungsprozess der Studienprogramme umgesetzt (Brahm & Jenert, 2013).

 

Weitere Informationen finden sich in einem Beitrag des Berner Uni-Magazins.

Quelle:

Brahm, T. & Jenert, T. (2013). Herausforderungen der Kompetenzorientierung in der Studienprogrammentwicklung. In Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 8(1); 7-14.

 

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DGfE Nachwuchstagung Bildung für nachhaltige Entwicklung

Rückblick auf die Nachwuchstagung des BNE Netzwerktreffens am 08./09.11. 2013 an der Uni Bern

Bei dem zweitägigen Treffen, bei dem ich am Samstag teilnehmen konnte, tauschten sich um die 30 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus, die sowohl theoretisch-konzeptionell als auch empirisch zu dem (weitum)spannenden Themenbereich „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, kurz „BNE“ forschen, welcher sich aus der gleichnamigen Weltdekade der Vereinten Nationen (2005-2014) ergibt.

Diskutiert wurde auf Grundlage von zwei Impulsreferaten über die Auffassungen (Dr. Di Giulio, Universität Bern) und evolutionstheoretischen Grenzen (Dr. Christine Schmidt, Universität Erlangen-Nürnberg) von „BNE“ sowie den Arbeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Letztere waren am zweiten Tag dem Aspekt des Kompetenzerwerbs gewidmet und zeigten zum einen auf, wo Prinzipien der Nachhaltigkeit verankert werden können (u.a. Lehrerbildung, Hochschullehre) und zum anderen, welche Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung als notwendig erachtet werden. Am Ende des Tages stand aber weniger die Konstitution einer einheitlichen Begrifflichkeit im Fokus als die Diskussion der verschiedenen Auffassungen. Gemeinsam war ihnen, dass sie meist – gemäss der Ursprünge der Diskussion – bei der Umweltbildung ansetzten und ihre Realisation mehrheitlich in Bildungskontexten zu naturwissenschaftlichen Disziplinen fanden (z.B. Biologie, Geografie).

Anknüpfungspunkt zu den Arbeiten der Hochschulentwicklung an der HSG kann der Transfer von erörterten Ideen und Fragestellungen in die Gestaltung ökonomischer Bildung sein. Hervorzuheben sind dabei die Projekte der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zur Förderung des systemischen Denkens als Voraussetzung dafür, Fragen nachhaltiger Entwicklung überhaupt erörtern zu können. (Unter anderem wurde ein Messinstrument entwickelt, das systemisches Denken erfassen kann.) Die von Anna Sundermann vorgestellte Längsschnittstudie im Bachelor der Leuphana-Universität Lüneburg hat eine konkrete Anbindung zu unserer Arbeit an der HSG. In dieser wird die Wirkung der umfassenden Integration von Nachhaltigkeit in einem ersten gemeinsamen fächerübergreifenden Semester auf Einstellungen, Werte und Interesse der Studierenden untersucht. Sowohl Inhalte des sog. „Leuphana“-Bachelors als auch Ergebnisse über die Wirksamkeit könnten interessante Reflexionsfolien für unser  Veränderungsprojekt zur Integration von Sustainable Development im Bachelor BWL darstellen.

In diesem Zusammenhang beschäftigt uns weiter auch eine zentrale Fragestellung der Tagung, nämlich die nach der Relevanz von Werten in der Diskussion um BNE. Im abschliessenden World-Café der Tagung herrschte zu dieser Einigkeit darüber, dass – ähnlich wie bei Menschenrechten – Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht „wertfrei“ sein kann. – Für die Lehre stellt sich allgemein aber die grundsätzliche Frage, wie sie vor dem Ethos eines Indoktrinationsverbots (kein Aufzwingen von Meinungen durch Lehrende) mit diesem Sachverhalt umgehen kann, muss oder soll. – Sie wurde auch schon auf der Podiumsdiskussion zur Verantwortung und Nachhaltigkeit an der HSG im Oktober 2013 diskutiert und scheint eine Ursache für das oft „schwierige“ Image des Themas „Nachhaltigkeit“ zu sein, mit dem man bei Vorhaben zur konkreten Implementierung von BNE regelmässig konfrontiert ist.