Gravatar_ChristophMeier

Technological Learning Content Knowledge (TLCK) – ein nützliches Konzept im Kontext der Hochschulentwicklung?

Vor einigen Wochen hatte ich in einem Blogpost das Modell „Technological Pedagogical Content Knowledge“ (TPCK bzw. TPACK) vorgestellt: ein Rahmenkonzept, das die erforderlichen Kompetenzbereiche aufzeigt, die Lehrpersonen benötigen, um Lehr-Lerntechnologien effizient in Lehr-Lernprozesse zu integrieren.

Ein aktueller Aufsatz (Chai et al. 2013), der insgesamt 74 Zeitschriftenbeiträge zu TPACK untersucht, zeigt, dass es sich hierbei um ein derzeit sehr aktiv bearbeitetes Forschungsfeld handelt. Darüber hinaus schlagen die Autoren in diesem Aufsatz vor, das Konzept bzw. Rahmenmodell TPACK, das ja die Kompetenzen der Lehrpersonen fokussiert, um ein gleichartiges Rahmenkonzept mit Fokus auf die Studierenden zu ergänzen: Technological Learning Content Knowledge (TLCK), vgl. die nachfolgende Abbildung.

TPACK+TLCK_Chai-et-al_2013

Die Überlegung, dass nicht nur auf Seiten von Lehrpersonen, sondern auch auf Seiten der Lernenden / Studierenden spezifische Technologie- und Medienkompetenzen erforderlich sind, damit technologie-unterstützte Lehr-Lernprozesse erfolgreich verlaufen können, ist zunächst einmal plausibel. Allerdings werden die verschiedenen Wissens- / Kompetenzbereiche nicht detailliert erläutert. Folgendes lässt sich aus dem Text erschliessen:

  • Learning Content Knowledge (LCK)
    Annahmen und Wissen der Lernenden darüber, wie sie sich bestimmte Inhalte aneignen können;
  • Technology Learning Knowledge (TLK)
    Annahmen und Wissen der Lernenden darüber, wie sie Technologien im Lernprozess nutzen können;
  • Technology Content Knowledge (TCK)
    Annahmen und Wissen der Lernenden darüber, wie sie Technologien im Hinblick auf bestimmte Inhalte und Wissensfelder nutzen können.

Ich frage mich, ob die von den Autoren vorgeschlagene Isomorphie der Rahmenkonzepte im Hinblick auf die Lernenden / Studierenden wirklich tragfähig ist. Mir persönlich ist diesbezüglich die Unterscheidung von entsprechenden Sach-, Sozial- und Selbstkompetenzen auf Seiten der Studierenden vertrauter:

  • Sachkompetenzen
    – u.a. Kenntnis von Lernstrategien sowie zu technischen Werkzeugen für Lernen, persönliches Wissensmanagement und Zusammenarbeit;
  • Sozialkompetenzen
    – u.a. Fähigkeiten im Bereich der kooperativen Zusammenarbeit und der Vernetzung mit anderen;
  • Selbstkompetenzen (vgl. dazu ausführlicher Zürcher, 2007)
    – Selbstorganisation: die Fähigkeit, bei vorgegebenen Lerninhalten und Lernzielen die Rahmenbedingungen des Lernprozesses (Unterlagen, Lernort, Lernzeit, etc.) selbst zu organisieren;
    – Selbststeuerung: die Fähigkeit, im Rahmen eines vorgegebenen Lernarrangements mit vorgegebenen Lernzielen den Weg zu diesen Zielen selbst zu bestimmen;
    – Selbstbestimmung: die Fähigkeit, alle Aspekte des Lernprozesses (Ziele, Wege, Steuerung) selbst gestalten zu können.

Jenseits der Diskussion, ob das von Chai et al. vorgeschlagene Konzept der Technological Learning Content Knowledge (TLCK) auf Seiten der Studierenden tragfähig ist, stellt sich im Hinblick auf das Arbeitsfeld Hochschulentwicklung die Frage, durch wen und in welcher Form eigentlich die auf Seiten der Studierenden erforderlichen Lern-, Technologie- und Medienkompetenzen entwickelt werden sollen, die ja doch mehr umfassen, als in den üblichen Veranstaltungen zur Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten abgedeckt wird. Überlässt man dies den Studierenden selbst? Ist es Aufgabe der Lehrpersonen, diese Kompetenzen beiläufig in jeder Lehrveranstaltung mitzuentwickeln? Muss es eigenständige Gefässe dafür geben – an der Universität St.Gallen beispielsweise im Rahmen des Kontextstudiums (Bereich Handlungskompetenzen)? Ein erster Schritt in diese Richtung an der Universität St.Gallen wird eine neue Lehrveranstaltung im Bereich Kontextstudium / Handlungskompetenz sein, in der Strategien, Methoden und Werkzeuge für das „Persönliche Wissensmanagement“ behandelt werden.

Referenz

Chai, Ching Sing, Joyce Hwee Ling Koh, und Chin-Chung Tsai (2013). „A Review of Technological Pedagogical Content Knowledge“. Educational Technology & Society 16, Nr. 2 (2013): 31–51.

Zürcher, R. (2007). Informelles Lernen und der Erwerb von Kompetenzen. Theoretische, didaktische und politische Aspekte (Materialien zur Erwachsenenbildung No. 2 / 2007). Wien: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Abgerufen von http://www.erwachsenenbildung.at/services/publikationen/materialien_zur_eb/nr2_2007_informelles_lernen.pdf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*