Archiv für den Monat: Juli 2013

Lehre hoch n: Einige Gedanken zur Zukunft der Lehrentwicklung an Hochschulen

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Seit Herbst 2012 dürfen wir als Team für Hochschulentwicklung im Auftrag der Volkswagenstiftung die Begleitforschung des Weiterbildungsprogramms Lehre hoch n – durchgeführt von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. -durchführen. Gegenstand der Begleitforschung sind die Jahrgänge 2010/11 und 2012/13 (und künftigt auch 2014/15) dieses Programms , das sich an Personen richtet, die mit der Weiterentwicklung von Hochschullehre befasst sind. Mit Lehrenden, Hochschuldidaktiker-Innen und Leitungspersonen werden unterschiedliche Akteursgruppen innerhalb des Gestaltungsbereichs Lehre angesprochen; das Aufeinandertreffen dieser Gruppen in einem Programm gehört dabei bereits zu den Besonderheiten von Lehren. Strukturell ist das Programm durch  folgende Merkmale gekennzeichnet:

  • Programm mit Fokus auf die lehrbezogene Hochschulentwicklung.
  • Rund 30 Teilnehmende pro Jahrgang, verteilt auf die drei Akteursgruppen mit VertreterInnen aus Fachhochschulen und Universitäten.
  • Auswahl der Teilnehmenden auf Basis einer Initiativbewerbung (bundesweite Ausschreibung; prinzipiell auch international zugänglich), lehrbezogene Entwicklungsprojekte der Bewerbenden als wichtiges Auswahlkriterium (mit gesteigerter Bedeutung im Jahrgang 2012/13).
  • Präsenzprogramm mit fünf Workshops über neun Monate hinweg: Input-Referate von Fachexperten strukturieren jeweils die Interaktionen der Teilnehmenden, die jeweiligen Innovationsprojekte werden vorgestellt und diskutiert.
  • Follow-up Aktivitäten zum Aufbau bzw. zur Aufrechterhaltung einer „Community of Practice“: Informelle Interaktionen zwischen den Teilnehmenden eines Jahrgangs sowie organisierte Netzwerktreffen helfen, den Wissens- und Erfahrungsaustausch aufrecht zu erhalten.

Strukturell handelt es sich also durchaus um eine Innovation im Bereich der Lehrentwicklung bzw. Hochschuldidaktik: Man rückt ab von der Weiterbildung des Lehrpersonals in der eigenen Hochschule (Push-Prinzip) und versucht stattdessen, Muliplikatoren als LehrenwicklerInnen und Change-AgentInnen weiterzuentwickeln und diese auch als Community zu etablieren.

Mittlerweile hat die Begleitforschung einen ersten Zwischenbericht hervorgebracht, der an dieser Stelle jedoch nicht näher thematisiert werden soll. Vielmehr haben wir im Zuge der Begleitung von Lehre hoch n, in der Interaktion mit den Teilnehmenden und den Programmverantwortlichen selbst sehr viel gelernt. So hat sich über die Zeit eine Reihe von Fragen ergeben, welche für die weitere Ausgestaltung von lehrbezogenen Entwicklungsprogrammen relevant erscheinen:

  • Wie kann es gelingen, den in Lehre hoch n praktizierten Ansatz, Lehrentwicklung als Teil der Hochschulstrategie zu betrachten, auch in den Governance-Strukturen und -Prozessen einzelner Hochschulen zu etablieren?
  • Muss eine Lehrentwicklung, die sich als Personal- und Organisationsentwicklung versteht, von individuellen Karrierewegen im akademischen Betrieb ausgehen, d.h. akademisch-wissenschaftliche und lehrbezogene Weiterentwicklung zusammen denken und durchführen (als Faculty Development in umfassendem Sinne)?
  • Sollte die Weiterentwicklung der Lehre grundsätzlich mikrodidaktische (d.h. personen- und veranstaltungsbezogene) und strukturelle (z.B. programmbezogene) Aspekte gemeinsam betrachten, um wirkungsvolles Handeln einzelner Personen zu ermöglichen? Wo liegen hier die zentralen Hürden und wie kann es besser gelingen?
  • Wie kann es gelingen, Muliplikatorenansätze wie Lehre hoch n in die Breite zu bekommen, d.h. mit „klassischen“ Push-Ansätzen der Lehrentwicklung bzw. Hochschuldidaktik zu verbinden?

Für uns ist die Bearbeitung dieser Fragen zentral, um einen nächsten Schritt in der lehrbezogenen Hochschulentwicklung tun zu können. Über Anregungen und Meinungen hier im Blog freuen wir uns.

Marion Lehner

Marketing für hochschuldidaktische Weiterbildung

Charakteristisch für die Teilnehmerstruktur an hochschuldidaktischen Weiterbildungsveranstaltungen ist, dass diese sich zu einem grossen Teil aus dem Bereich des universitären Mittelbaus zusammensetzt. Auf der Ebene der ProfessorInnen ist ein Besuch von (formellen) Weiterbildungen im Bereich der Lehre weitaus weniger üblich. Gleichwohl stemmt jedoch die Professorenschaft einen hohen Anteil der Lehre an Universitäten – was eine verstärkte Teilnahmebereitschaft an hochschuldidaktischen Angeboten in Bezug auf eine lehrbezogene Qualitätssicherung und –entwicklung wünschenswert macht.

Gründe, warum gerade die Gruppe der ProfessorInnen eine geringe Bereitschaft zur hochschuldidaktischen Weiterbildung aufweist, liegen bei näherer Betrachtung der Rahmenbedingungen auf der Hand. Konkret vermutet Hiller (2012), dass die Weiterbildungsbereitschaft im Bereich der Lehre positiv mit ihrem vergleichsweise geringen Ansehen in der akademischen Welt gegenüber der Forschung korreliert und sieht folgende Gründe für das geringes Engagement bzw. die geringen Teilnehmerzahlen hinsichtlich lehrbezogener Weiterbildung innerhalb der Professorenschaft:

  • Geringe bzw. keine Anerkennung für gute Lehrleistung in der eigenen Scientific
    Community
  • Geringe bzw. keine Relevanz von Lehrleistungen in Berufungsverfahren von
    ProfessorInnen
  • Doppelbelastung aufgrund Forschung und Lehre
  • Geringes bzw. kein Problembewusstsein und geringe Selbstreflexion
    (Hiller, 2012, S. 6).

Nach Wildt (2011) bevorzugen ProfessorInnen informelle Entwicklungsangebote wie beispielsweise kollegiale Beratungsgespräche, Coaching oder Mentoring (Wildt, 2011, S. 9) – wohl auch, weil der Netzwerkgedanke innerhalb der Professorenschaft als besonders wichtig angesehen wird. Informelle Entwicklungsmöglichkeiten werden nach Wildt (2011) aufgrund niedriger Hemmschwelle und  geringem Aufwand eher angenommen als klassische formelle Weiterbildungsveranstaltungen.

Die Bemühung in Bezug auf die Zielgruppe der ProfessorInnen sollten demnach mitunter stark darauf abzielen, das Begeisterung und Motivation für Lehre mittels informeller Angebote zu stärken und/oder initiativ zu entwickeln (Wintermantel, 2011, S. 7). Die Wirksamkeit einzelner Entwicklungsangebote in Bezug auf eine Verbesserung der Lehre beruht jedoch grundsätzlich auf der Lernbereitschaft und dem Veränderungswillen der fokussierten Akteursgruppe. Hiller (2012) schlägt hierzu „die Kommunikation des individuellen Mehrwerts“ (Hiller, 2012, S. 4) der Weiterentwicklung im Bereich der Lehre für den/die einzelne(n) Hochschullehrer/-in vor.  Ein Zitat von Stuart Henderson Britt beschreibt die Wichtigkeit, hochschuldidaktische Entwicklungsangebote deutlich und sichtbar zu machen:

„Ohne Werbung Geschäfte zu machen ist, als winke man einem Mädchen im Dunkeln zu.“
Stuart Henderson Britt

Sind also die hochschuldidaktischen Angebote nicht „sexy“ genug vermarktet? Dies kann vermutet werden, wenn Hochschuldidaktiker von Veranstaltungen berichten, die aus unerfindlichen Gründen kaum besucht werden. Ein organisiertes Mittagessen mit einer überspannenden lehrbezogenen Thematik könnte beispielsweise kaum attraktiver und informeller gestaltet sein. Eine häufig fehlende Resonanz auf Professorenebene lässt jedoch an der Attraktivität der Veranstaltung zweifeln. Die Sichtbarkeit der Hochschulentwicklung muss dringend gewährleistet sein, wenn unter knappen zeitlichen Ressourcen der ProfessorInnen eine freiwillige Teilnahme an (informellen) Weiterentwicklungsmassnahmen forciert wird. Auch eine Organisationskultur im Wandel zu mehr Vernetzung und Austausch in Bezug auf die Hochschuldidaktik wird hierdurch unterstützt.

Abbildung 1: Anwendung des Elaboration-Likelihood-Modells (Petty & Cacioppo, 1986) auf die Marketingstrategie für hochschuldidaktische Weiterbildungsmassnahmen

Das Elaboration-Likelihood-Modell (Petty & Cacioppo, 1986) unterscheidet den motivationalen Zugang zu einer möglichen Einstellungs- und letztlich auch Verhaltensänderung über eine zentrale und eine periphere Route – je nach vorhandener Motivation. Bezüglich der Zielgruppe der ProfessorInnen erfolgt der Weg über die periphere Route, da aus der Erfahrung angenommen wird, dass hochschuldidaktische Veranstaltungen auf ein eher geringes Interesse stoßen. Auch bei einer wenig empfänglichen Zielgruppe kann jedoch letztlich eine Verhaltens- und Einstellungsänderung erwirkt werden – wenn diese auch laut der Theorie weniger stabil zu erwarten ist. Am Anfang dieses Prozesses steht jedoch die Information über hochschuldidaktische Maßnahmen, die den Bekanntheitsgrad und auch das Wissen darüber adressiert. Um die Sichtbarkeit der lehrbezogenen Entwicklungsmassnahmen – insbesondere für die ProfessorInnen zu steigern, sollte sich die Hochschulentwicklung mit Bildungsmarketing auseinandersetzen. Im Kontext der Hochschulen ist dieser Forschungsbereich bislang nahezu unbefleckt. Die betriebliche Welt hat schon länger erkannt, dass Bildungsmaßnahmen, insbesondere für Zielgruppen mit wenig Weiterbildungsbereitschaft, attraktiv vermarktet werden müssen, um längerfristige Einstellungen und Verhaltensänderungen im Hinblick auf eine Weiterbildungsteilnahme zu erwirken.

Referenzen

Hiller, G. G. (2012). Anreize zur Etablierung einer neuen Lehr-Lernkultur an Hochschulen. Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 7 (3), 1–15.

Petty, R. E. & Cacioppo, J. T. (1986). The Elaboration Likelihood Model Of Persuasion. In L. Berkowitz (Ed.). Advances in experimental social psychology, 19, pp. 123 – 205. New York: Academic Press.

Wildt, J. (2011). Die Hochschuldidaktik muss Teil des strategischen Managements sein. In Hochschulrektorenkonferenz (Hrsg.), Gute Lehre. Frischer Wind an deutschen Hochschulen (1. Aufl.) (S. 8–9). Bonn.

Wintermantel, M. (2011). Freiraum lassen für Persönlichkeiten. In Hochschulrektorenkonferenz (Hrsg.), Gute Lehre. Frischer Wind an deutschen Hochschulen (1. Aufl.) (S. 6–7). Bonn.

Akademische Personalentwicklung

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Am 12. Juni 2013 besuchte ich die Tagung des Stifterverbands zum Thema „Akademische Personalentwicklung“, die im Umweltforum in Berlin (n.b. ein sehr geschichtsträchtiger und anregender Tagungsort) stattfand. Zielpublikum waren Personalentwickler/-innen an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Ausgangspunkt der Tagung war eine Studie des Stifterverbands und von HIS zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

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Die Studie wurde von sowohl aus der Sichtweise der Anbieter von Personalentwicklung an Hochschulen als auch aus Sichtweise der Nutzer/-innen durch den wissenschaftlichen Nachwuchs vorgestellt. Dabei wurden immer wieder die Restriktionen der Personalentwicklung verdeutlicht, beispielsweise verhindern Hausberufungsverbote, Projektkarrieren (Karrieren auf Drittmittelstellen) wie auch die Tatsache, dass zwei Drittel der Promovierten die Wissenschaft verlässt, eine umfassende Personalentwicklung. Außerdem zeigt sich bei Wissenschaflern/-innen eine ambivalente Einstellung zum Geführt Werden (vgl. Pellert & Widmann, 2008). Weitere Informationen zu den Ergebnissen der Studie finden sich auf den Seiten des Stifterverbands (dort kann die Studie auch kostenlos als pdf heruntergeladen werden).

Mit dem Auftakt wurde der Startschuss für sechs Vorstellungen von guter Personalentwicklungspraxis an Hochschulen bzw. Forschungseinrichtungen gegeben. In kurzen Beiträgen stellten Vertreter/-innen verschiedener Einrichtungen ihre Initiativen/Projekte zu Coaching, Mitarbeitergesprächen und Laufbahnplanung, Mentoring, Personalauswahl, kollegialer Beratung und Führungskräfteentwicklung vor (weitere Informationen zu den einzelnen Themen finden sich hier). Die Themen wurden an sechs Thementischen vertieft, was sich als sehr dankbares Format erwies, da die einzelnen Teilnehmenden dadurch nach ihren Bedürfnissen einzelne Themen besuchen konnten. Ich habe mich insbesondere mit der kollegialen Beratung näher auseinandergesetzt.

Aus Sicht der Universität St. Gallen waren zwei Aspekte besonders bedeutsam:

  1. die Wichtigkeit einer zentralen Anlaufstelle für akademisches Personal (vom Doktorierenden bis zum/r Professor/in), die von vielen Vertretern auf der Tagung immer wieder hervorgehoben wurde.
  2. der Ansatzpunkt der Vernetzung, um insbesondere Zielgruppen zu erreichen, die nicht regelmäßig an Weiterbildungsangeboten teilnehmen. Über Vernetzungsangebote innerhalb der Disziplinen aber auch disziplinenübergreifend können Anlässe geschaffen werden, sich über für die Hochschule strategisch wichtige Themen auszutauschen.